Wir haben heute Vormittag frei, der Zug nach Samarkand geht erst
am Nachmittag. Wir laufen noch mal durch die Stadt, eigentlich
wollten wir noch irgendwas mitnehmen aus Buchara, können uns
aber letztlich für nichts entscheiden. Eigentlich haben wir
schon genug eingekauft. Trotzdem
hat es der Basar Toqi Zargaron uns angetan, wir verbringen den
halben Vormittag hier.
Ansonsten genießen wir noch ein wenig die Altstadt von
Buchara...
...und sitzen am zentralen Labi Hovuz Platz und trinken Tee
(oder sowas ähnliches).
Mittag gehen wir dann zum Hotel zurück, dort werden wir abgeholt
und ins 12km entfernte Kogon gefahren, dort ist der Bahnhof von
Buchara. Alles ein wenig verwirrend.
Überflüssig zu erwähnen, dass die Züge hier auf die Minute
pünktlich sind, das ist wohl außerhalb Deutschlands überall so.
Der Zug ist eine Art ICE, der uns in einer Stunde und 40 Minuten
ins 270km entfernte Samarkand bringt. Die Landschaft gibt nicht
soviel her unterwegs, deshalb ruhen wir ein wenig bis Samarkand.
Wir werden wie immer abgeholt, die Fahrt zum Hotel dauert
fast 25 Minuten. Es ist Rush Hour und was auch sofort auffällt,
Samarkand wirkt im Vergleich zu Buchara und vor allem Chiwa viel
mehr wie eine Großstadt. In jeder Hinsicht, es gibt höhere
Häuser, mehr Verkehr und zum ersten Mal sehen wir auch vermüllte
Ecken.
Auch die Gasse, in der uns der Fahrer aussteigen lässt,
wirkt nicht gerade einladend, aber nachdem wir ins Hotel
eingetaucht sind, ist die Welt schon wieder in Ordnung. Die Burg
hat ein Restaurant mit Freisitz im Innenhof und Roof Top Bar,
hier kann man‘s schon aushalten.
Kamila holt uns gleich noch zum Essen ab. Wir sitzen auf
einer Art Diwan im Schneidersitz, sehr gewöhnungsbedürftig...
Wir haben drei Tage volles Programm hier noch mal, wir sind
gespannt. Samarkand war für mich die bekannteste der Städte, die
wir besuchen, mal sehen, ob meine Erwartungen erfüllt werden.
Nach dem Essen gab‘s noch ein Art
Lightshow am zentralen Registan (der größte und bekannteste
Platz in der historischen Altstadt). Dargestellt wird wohl die
Geschichte der Region, bis zur heutigen Republik Uzbekistan.
Sehr farbenfroh und laut, leider waren sowohl die visuellen, als
auch die akkustischen Erläuterungen nur in Usbekisch bzw.
Russisch.
Erster Tag
Samarkand bedeuted wohl in etwa "Stadt (kand) aus Stein
(samar)", die Geschichte der Stadt geht auf eine Siedlung namens
"Afrosiyob" zurück, die etwa 750 v.Chr. entstand. Die Stadt war
schon immer ein zentraler Punkt verschiedener Handelsrouten
zwischen den östlichen und westlichen Teilen der asiatischen
Reiche, später dann auch Europas.
Alexander der Große
eroberte die Stadt mit seinem Heer im Jahr 329 v.Chr. (die
Griechen nannten die Stadt "Marakanda"), später wechselten sich
die Khane in Afrosiyob ab, die Stadt gehörte dabei meist zum
Reich der Chorezm Schahs. Dschingis Khan eroberte die Stadt 1220
und zerstörte sie völlig. Erst im 14. Jahrhundert wurde etwa 1km
südwestlich des Siedlungshügels von Afrosiyob die Stadt
Samarkand errichtet, die sich zur Hauptstadt von Amir Timur
Lenk, dem usbekischen Nationalhelden entwickelte. Von ihm und
seinen Nachkommen werden wir in den nächsten Tagen einiges
hören.
Kamila kommt heute ein wenig verschlafen daher, sie hat einige
Minuten Verspätung. Wir fahren gemeinsam zum Mausoleum Gori
Amir, der letzten Ruhestätte des Amir Timur, wo wir Anastasia
treffen, die uns die kommenden beiden Tage durch Samarkand
begleiten wird.
Anastasia ist deutlich jünger, als unsere bisherigen Guides
in den anderen Städten, aber nicht weniger geprächig. Auch sie
hat viel zu erzählen, interessante und spannende Geschichten,
sie stellt uns immer wieder auf die Probe, was wir so alles über
die usbekische Geschichte wissen und belohnt richtige Antworten
mit Süßigkeiten. Braucht man nicht fragen, sie ist Lehrerin.

Wir laufen dann ein paar Minuten durch die Stadt, die
Sehenswürdigkeiten sind hier ein wenig verstreut und Samarkand
ist nicht wie Chiwa oder Buchara nur auf Tourismus aus, es ist
eine typische Großstadt mit breiten Boulevards, aber auch
kleinen schmalen Straßen und vielen Parks.
Wir kommen zum
Registan, wo es gestern Abend die spektakuläre Light Show gab.
Das Ensemble aus drei Medressen ist wohl das Bild Usbekistans
schlechthin.
Links im Bild die Ulugh-Beg-Medrese (erbaut 1417–1420, Ulugh
Beg war ein Enkel Amir Timurs, über den wir auch noch viel hören
werden), in der Mitte die Tillakori-Medrese („Goldene Medrese“,
erbaut 1646–1660) und rechts die Scheredor-Medrese
(„Löwen-Medrese“, erbaut 1619–1636). Zu Timurs Zeiten war der
Platz ein großer Basar, mit einer riesigen Kuppel. Heute dient
nur die Goldene Medrese noch als Koranschule und Moschee, in der
Löwen-Medrese hingegen sind viele Handwerker ansässig.
Wir laufen dann weiter durch die Parks rund um den Registan,
die hier auch im Oktober noch gepflegt werden, überhaupt wird
hier viel wert auf das Erscheinungsbild gelegt (zumindest in den
Gegenden, wo sich die Touristen bewegen).
Wir kommen dann zur Bibi-Chonim-Moschee. Anastasia erzählt
uns, dass Timur Amur diese Freitagsmoschee zu Ehren seiner
Lieblingsfrau Sarai-Molk Chanum (Bibi heißt im persischen
"verehrungswürdige Frau") errichten ließ. Sie selbst überwachte
die Bauarbeiten, dabei entwickelte sich wohl (so erzählt die Legende)
eine kleine Liason
zwischen ihr und dem Baumeister. Als Timur dahinterkam, baute
sich der Baumeister (in Erwartung der anstehenden Strafe) ein Paar
Flügel und stieg er auf das höchste Minarett seiner
Moschee und flog davon bis nach Maschhad in Persien.
Märchen aus 1001 Nacht eben.
Tatsächlich verfiel der gesamte Komplex im Laufe der
Jahrhunderte, diente den Bewohnern Samarkands als Quelle für
Baumaterial. Während der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts
erkannten die sowjetischen Herrscher den Wert des Bauwerks und
begannen mit der Sicherung der Ruinen. Aber erst nach der
Unabhängigkeit Usbekistans von der Sowjetunion begannen die
tatsächlichen Restaurierungsarbeiten, heute erstrahlen große
Teile der Anlage wieder in altem Glanz.
Danach ist es Zeit für einen Lunch, auch wenn`s wohl ein
reines Touristenlokal ist, sitzt man hier sehr angenehm und das
Essen ist frisch zubereitet und echt lecker.
Nach der Siesta ziehen wir weiter zum Mausoleum von Islom
Karimov. Der war der letzte kommunistische Herrscher der
Usbekischen SSR in der Sowjetunion und wurde auch nach der
Unabhängigkeitserklärung Usbekistans zum Präsidenten gewählt.
Durch mehrere Wahlen und Referenden verlängerte er seine
Amtszeit immer weiter, bis zu seinem Tod 2016. Ich hab Anastasia
gefragt, ob solch lange Amtszeiten in Usbekistan normal wären,
ihre Antwort: "Wenn man mal an der Macht ist, warum sollte man
die abgeben?" spricht Bände über das hiesige
Demokratieverständnis. Da scheint mir schon ein kleiner
Unterschied in der Definition zu sein...

Auch die Größe des Baus hat sehr "kommmunistische" Ausmaße...
Unser Weg führt weiter zum Shoizinda. Dabei handelt es sich um
eine der bekanntesten Nekropolen Zentralasiens. In dieser
Gräberstadt wurden die Herrscher Afrosiyobs bzw. Samarkands vom
9. bis zum 19. Jahrhundert bestattet, wobei der größte Teil der
Gräber hier den Herrschern aus der Timuridenzeit vorbehalten
ist. Die Gräberstadt befindet sich auf dem Hügel, auf dem die
antike Stadt Afrosiyob einst stand.
Die Grabstätten sind extrem aufwändig, mit Majolika Fliesen
verziert, die meisten sind sehr gut erhalten, religiöse Stätten
haben hier einen hohen Stellenwert. Anastasia erzählt uns
unermüdlich über jede einzelne davon, wer wo bestattet ist, wir
haben keine Chance mehr all das Wissen zu verarbeiten,
geschweige denn zu behalten.
Außerhalb der prunkvollen Gräberstraße befinden sich die Gräber
nicht-muslimischer, zumeist jüdischer Einwohner Samarkands.
Anastasia erzählt uns, dass Samarkand früher eine der größten
jüdischen Gemeinden Zentralasiens beherbergte. Ich frage sie, ob
es immer noch Juden in Samarkand gäbe. Sie antwortet ausweichend, dass die
Jungen alle Usbekistan verlassen hätten, nur die Alten, die
nicht fortgehen könnten wären noch da.
Für heute langt es
dann, wir fahren zurück ins Hotel, wir sind nicht mehr in der
Lage mehr Wissen aufzunehmen. Nur Essen und ein paar Getränke
gehen noch.
Zweiter Tag
Gut ausgeschlafen treffen wir uns am Morgen, nur Kamila schaut
wieder ziemlich müde aus. Wir haben den Verdacht, dass ihr das
Nachtleben in Samarkand recht zusagt.
Heute bekommen wir noch mal die volle Ladung
Geschichtsunterricht und Heldenverehrung. Wir fahren am Morgen
zum Observatorium des Ulugh Beg. Der Mann war ein Enkel von Amir
Timur, aber er war nicht nur der Herrscher des Timuridenreiches (das
sich zu dieser Zeit von Delhi bis Bagdad erstreckte), sondern auch ein
ernstzunehmender Wissenschaftler. Nicht nur seine Arbeit an der
von ihm erbauten Medrese ist erwähnenswert. Er ließ auch eine
Sternwarte errichten, an der er mit den wenigen Hilfsmitteln des
frühen 15. Jahrhunderts erstaunlich genaue Daten dokumentierte.
Das und die Tatsache, dass er mit einigen Reformen Wissen für
weite Teile der Bevölkerung ermöglichte, erstmals auch für
Frauen, sowie die Tatsache, dass er nur wenige Kriege führte (für
einen Herrscher seiner Zeit), machte ihn beim Volk sehr beliebt.
Weniger allerdings beim Klerus, die Imame von Samarkand gingen
schließlich so weit, ihn im Verbund mit seinem Sohn zu ermorden.
Er herrschte stolze 40 Jahre über sein Reich.
Einer seiner
wissenschaftlichen Mitstreiter schaffte es einem Großteil seiner
Werke nach Istanbul zu verbringen und somit der Welt zu erhalten.
Einige spätere Astronomen beriefen sich auf die Werke Ulugh
Begs.
Nächster Halt ist das Mausoleum des heiligen Daniel,
ein Zauberer, der in drei Religionen verehrt wird, dem Islam,
von den Juden und den Christen. Ebendieser Daniel wurde von
einem bösen Bub in eine Grube mit hungrigen Löwen geworfen, aber
die Löwen haben ihn verschont. Entweder waren sie doch nicht so
hungrig oder er roch besonders streng. Begraben ist er
eigentlich in Susa, im Iran. Amir Timur versuchte die Stadt
mehrfach zu erobern, was aber misslang. Darauf begab er sich als
Pilger zum Grab des Daniel, wo er ihm einen Arm klaute und der
ist jetzt in Samarkand aufgebahrt. Sehr ausladend übrigens für
nur einen Arm.
Der Ort, samt einem 600 Jahre alten Pistazienbaum, dessen
Blätter Reichtum versprechen (ich hab immer noch eins im
Geldbeutel und warte auf`s Ergebnis) und einer heiligen Quelle,
die ewige Gesundheit verspricht (Anastasia hat uns aber dringend
abgeraten, davon zu trinken) ist ein weithin bekannter
Pilgerort.
Im Anschluss fahren wir in ein Handwerkerdorf, in dem
traditionelles Handwerk präsentiert wird, die Werkstätten und
die Handwerker sind echt, die Familien leben auch tatsächlich
da, aber es ist ausschließlich für die Touristen gemacht.
Highlight ist eine Papiermanufaktur. Hier wird die manuelle
Papierherstellung vom Holz bis zum fertig handgeschöpften Papier
demonstriert.
Es gibt außerdem Ölmühlen und Keramikwerkstätten, an
letzterer führt natürlich mal wieder kein Weg vorbei, bald
können wir daheim einen Töpfchen-Handel eröffnen.
Während des Lunches verabschiedet sich Kamila, sie ist müde.
Wir ziehen dann mit Anastasia weiter zum großen Markt, dem Siyob
Bazaar.
Und während wir im Markt spazieren, fallen tatsächlich ein
paar wenige Tropfen Regen vom Himmel, was Anastasia ganz
aufgeregt kommentiert. Es ist der erste Regen seit mehr als fünf
Monaten. Hat aber hier nix mit Klimagewandel zu tun, das ist in
der Wüste so.
Wir verabschieden uns von
Anastasia, die uns noch bis zum Hotel begleitet hat. Sie hat
einen fantastischen Job gemacht, kann man nicht anders sagen.