Chiwa

26. / 27. September 2025



Chiwa oder Xiva oder Khiva oder eben auf kyrillisch Хива ist die Hauptstadt des Viloyat Chorezm (sowas wie eine Provinz oder ein Bundesland). Chorezm bezeichnete in der Geschichte eigentlich eine Großoase westlich des Flusses Amurdarja, in der die Städte Urgench und eben Chiwa liegen. Chiwa hatte als Handelsstadt keine solche Bedeutung, wie Buchara oder Samarkand, war aber strategisch immer hart umkämpft, da es hier eben Wasser gab.

Wir treffen uns nach dem Frühstück mit Kamila im Hotel. Unser Hotel ist etwas eigenartig, teilweise nobel ausgestatten, mit üppig Marmor und Glas, scheint aber dem Betreiber irgendwann das Talent zum bauen (oder vielleicht war`s auch das Geld) ausgegangen zu sein. Vor unserem Fenster steht ein kompletter Pool, bereits gefliest, der scheint aber schon wieder zu verfallen. Man hat da wohl einfach die Arbeiten eingestellt. Und obwohl beim Frühstück ziemlich Betrieb ist, wirkt das Hotel unterm Tag wie ausgestorben, Restaurant und Bar sind geschlossen. Was uns aber nicht wirklich stört, wir haben die Amüsiermeile ja vor der Haustür. Und genau da gehen wir jetzt hin. Kamila hat sich Verstärkung organisiert. Elena, eine Lehrerin im Ruhestand, die (wie könnte es anders sein) deutsch unterrichtet hat. Wir traben also los, es ist ziemlich heiß heute. Für die Altadt muss man doch tatsächlich einen Eintritts-Obulus entrichten, gestern Nachmittag war`s kostenlos (ist es immer ab 14:00 Uhr, wie wir erfahren).

Als erstes fällt natürlich die Stadtbefestigung ins Auge. Die Altstadt Ichan Qalʼа (innere Festung) ist komplett von einer Sandsteinmauer umgeben. Da diese bei den starken Regenfällen, die hier aller Jahre mal auftreten, immer ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden ist, hat man in der Neuzeit mit ein paar neumodernen baulichen Maßnahmen ausgeholfen, das sind die Ziegel, die man am unteren Rand der Mauer sehen kann. Alles drüber ist noch original.

Die Stadtmauer der Ichan Qalʼа Die Stadtmauer der Ichan Qalʼа

Die Karawane erreicht die Oase Mohammed Amin Khan Madrassah Palast Tasch Hauli Kalta Minor Minarett Palast Tasch Hauli Palast Tasch Hauli

Wir besichtigen zunächst den größten Palast der Stadt, den Tasch Hauli. Wie schon beschrieben, war Chiwa immer heftig umkämpft und hatte viele Herren im Laufe seiner Geschichte, von Dschingis Khan über Amir Timur Lenk, auch mal ein persischer Schah Nadir und diverse Khane. Und jeder hatte das Bedürfnis etwas Großes zu bauen. Einer der Bauherren, Khan Muhammad Amin wollte das größte Minarett der Welt bauen, es sollte 80 Meter hoch werden und man sollte von oben bis ins 450 km entfernte Buchara schauen können. Der Legende nach wurde der Bau bei einer Höhe von 29 Metern deshalb abgebrochen, weil einer der Diener festgestellt hatte, dass man von oben in den Harem des Khans schauen konnte. Realistischer ist aber wohl, dass der Bau eingestellt wurde, weil der Khan bei einem Feldzug ums Leben kam.
Und so steht das Ding heute wuchtig in der Gegend rum und ist als "Kalta Minor", kleines oder kurzes Minarett bekannt. Immerhin wurde es komplett mit den typischen Kacheln verkleidet, hoch kann man leider nicht, man darf ja nicht in den Harem schauen... liegt wohl eher daran, dass es keine Brüstung oben drauf hat und man nicht ständig die runtergepurzelten Touris beiseite fegen möchte.

Wir bummeln weiter, es ist zwar ziemlich heiß, trotzdem schauen wir in einer traditionellen Backstube vorbei und müssen auch selber mit Hand anlegen. Erschreckenderweise müssen wir das, was wir da zusammengebacken haben auch noch essen. Zu meiner grenzenlosen Erleichterung fällt dabei allerdings niemand röchelnd vom Stuhl.

Hard working man Brot backen auf usbekisch Brot backen auf usbekisch Brot backen auf usbekisch Brot backen auf usbekisch

Danach ziehen wir weiter, wir erfahren, dass es Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts eine beachtliche deutsche Kolonie hier in Chiwa gab. Dabei dürfte es sich wohl um Mennoniten (eine protestantische Freikirche) aus Holland und Deutschland gehandelt haben. Sie waren in Chiwa recht beliebt und anerkannt, da sie handwerklich deutlich weiter waren, als die einheimische Bevölkerung und somit einige Werkzeuge und Bearbeitungsprozesse etablierten. Etwa mit dem Einmarsch der Russen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verließen diese aber Chiwa wieder und zogen weiter, wohl vornehmlich nach Nord- und Südamerika, um sich dort lebenden Gleichgesinnten anzuschließen. Das dürften dann wohl die Gruppen sein, die man heute Amish People nennt.

Wir wandern noch weiter durch die Stadt und genießen vor allem die Gespräche mir Elena. Sie hat jede Menge Geschichten zur Geschichte der Stadt und der Bauwerke parat. Was ich auch sehr lustig finde, sie hat immer noch diese Lehrer-Attitüde. Einmal, als sie uns etwas zeigen möchte, zieht sie einen dieser Kugelschreiber aus der Tasche, die man zu einem Zeigestock ausziehen kann. Sowas hatte jeder Lehrer früher, bevor man begann, mit Laserpointern herumzufuchteln. Die Älteren mögen sich erinnern.

Wir reden mit Elena über viele Themen abseits unserer Stadtführung. Vieles spricht sie von sich aus an, so kommen wir auch auf die Wasserversorgung zu sprechen. Elena betont, dass die intensive Wasserentnahme für die usbekische Landwirtschaft und damit Selbstversorgung zwingend notwendig ist. Sie erkennt aber sehr wohl die Probleme, die damit einhergehen. Es sind ja nicht nur die Usbeken, die den Flüssen Wasser entziehen, die beiden großen Flüsse Usbekistans (Amurdarja und Syrdarja) durchqueren mehrere Länder auf ihrem Weg zum Aralsee. Größte Sorge der Usbeken ist ein momentan im Bau befindliches Kanalprojekt in Afghanistan, mit dem eine Wüstenregion in Pakistan bewässert werden soll. Wenn der Amudarja dadurch erheblich an Wasser verliert, könnte das für diese Gegend hier um Chiwa und Urgench verheerende Folgen haben.
Sie weiß aber weiterführend zu erzählen, dass sich die Fläche des Aralsee im Laufe der Jahrtausende schon immer gravierend verändert hat. Nur dass die momentane Verkleinerung bis hin zur Austrocknung nicht natürlich ist, erkennt sie, dieses Problem ist menschengemacht, wie‘s im Neusprech so schön heißt. Nur hat es nichts mit dem Klimawandel zu tun, oder wenn, dann ist dieser nur eine minimale Randerscheinung in dieser speziellen Sache.

Chill out area Medrese Khodjambery Bei Elena vor der Medrese Khodjambery Bei Djuma Moschee - Wald aus Säulen Minarett Islam Khodja In den Gassen von Chiwa In den Gassen von Chiwa In den Gassen von Chiwa In den Gassen von Chiwa In den Gassen von Chiwa Handwerksmeisterin in den Gassen von Chiwa Medrese Khodjambery Bei Pahlawan Mahmud Nekropole In den Gassen von Chiwa

Es ist fast unmöglich, die Fülle an Informationen, die man bekommt mitzunehmen. Im Kopf bleiben immer die Gespräche über Alltäglichkeiten und Kleinigkeiten, aber das macht es doch aus, deswegen fahren wir ja in fremde Länder, um Leute kennen zu lernen, die vielleicht einen anderen Blick auf die Dinge und die Welt als Ganzes haben. Elena hatte das und hat ihre Sicht der Dinge mit uns geteilt.

Darüber mussten wir beim abendlichen Bier nochmal nachdenken. Chiwa ist übrigens auch abends sehr sehenswert. Unabhängig davon, dass die Altstadt Ichan Qalʼа nurmehr eine Museumsstadt ist.

Nachbesprechung mit geistigem Getränk Nachts in Chiwa Partytime in Chiwa Nachts in Chiwa Nachts in Chiwa Kalta Minor bei Nacht Nachts in Chiwa Kalta Minor bei Nacht Partytime in Chiwa Nachts in Chiwa Partytime in Chiwa The Fab Four of Chiwa... oder so ähnlich Die Stadtmauer von Ichan Qalʼа bei Nacht Die Stadtmauer von Ichan Qalʼа bei Nacht

Morgen früh heißt es bereits wieder "Koffer packen". Unsere Karawane zieht weiter, in die nächste berühmte Wüstenstadt.