Chiwa oder Xiva oder Khiva oder eben auf
kyrillisch Хива ist die Hauptstadt des Viloyat Chorezm (sowas
wie eine Provinz oder ein Bundesland). Chorezm bezeichnete in
der Geschichte eigentlich eine Großoase westlich des Flusses
Amurdarja, in der die Städte Urgench und eben Chiwa liegen.
Chiwa hatte als Handelsstadt keine solche Bedeutung, wie Buchara
oder Samarkand, war aber strategisch immer hart umkämpft, da es
hier eben Wasser gab.
Wir treffen uns nach dem Frühstück
mit Kamila im Hotel. Unser Hotel ist etwas eigenartig, teilweise
nobel ausgestatten, mit üppig Marmor und Glas, scheint aber dem
Betreiber irgendwann das Talent zum bauen (oder vielleicht war`s
auch das Geld) ausgegangen zu sein. Vor unserem Fenster steht
ein kompletter Pool, bereits gefliest, der scheint aber schon
wieder zu verfallen. Man hat da wohl einfach die Arbeiten
eingestellt. Und obwohl beim Frühstück ziemlich Betrieb ist,
wirkt das Hotel unterm Tag wie ausgestorben, Restaurant und Bar
sind geschlossen. Was uns aber nicht wirklich stört, wir haben
die Amüsiermeile ja vor der Haustür. Und genau da gehen wir
jetzt hin. Kamila hat sich Verstärkung organisiert. Elena, eine
Lehrerin im Ruhestand, die (wie könnte es anders sein) deutsch
unterrichtet hat. Wir traben also los, es ist ziemlich heiß
heute. Für die Altadt muss man doch tatsächlich einen
Eintritts-Obulus entrichten, gestern Nachmittag war`s kostenlos
(ist es immer ab 14:00 Uhr, wie wir erfahren).
Als erstes fällt natürlich die Stadtbefestigung ins Auge.
Die Altstadt Ichan Qalʼа (innere Festung)
ist komplett von einer Sandsteinmauer umgeben. Da diese bei den
starken Regenfällen, die hier aller Jahre mal auftreten, immer
ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden ist, hat man in der
Neuzeit mit ein paar neumodernen baulichen Maßnahmen
ausgeholfen, das sind die Ziegel, die man am unteren Rand der
Mauer sehen kann. Alles drüber ist noch original.
Wir besichtigen zunächst den größten Palast der Stadt, den
Tasch Hauli. Wie schon beschrieben, war Chiwa immer heftig
umkämpft und hatte viele Herren im Laufe seiner Geschichte, von
Dschingis Khan über Amir Timur Lenk, auch mal ein persischer
Schah Nadir und diverse Khane. Und jeder hatte das Bedürfnis
etwas Großes zu bauen. Einer der Bauherren, Khan Muhammad Amin
wollte das größte Minarett der Welt bauen, es sollte 80 Meter
hoch werden und man sollte von oben bis ins 450 km entfernte
Buchara schauen können. Der Legende nach wurde der Bau bei einer
Höhe von 29 Metern deshalb abgebrochen, weil einer der Diener
festgestellt hatte, dass man von oben in den Harem des Khans
schauen konnte. Realistischer ist aber wohl, dass der Bau
eingestellt wurde, weil der Khan bei einem Feldzug ums Leben
kam.
Und so steht das Ding heute wuchtig in der Gegend rum
und ist als "Kalta Minor", kleines oder kurzes Minarett bekannt.
Immerhin wurde es komplett mit den typischen Kacheln verkleidet,
hoch kann man leider nicht, man darf ja nicht in den Harem
schauen... liegt wohl eher daran, dass es keine Brüstung oben
drauf hat und man nicht ständig die runtergepurzelten Touris
beiseite fegen möchte.
Wir bummeln weiter, es ist zwar ziemlich heiß, trotzdem
schauen wir in einer traditionellen Backstube vorbei und müssen
auch selber mit Hand anlegen. Erschreckenderweise müssen wir
das, was wir da zusammengebacken haben auch noch essen. Zu
meiner grenzenlosen Erleichterung fällt dabei allerdings niemand
röchelnd vom Stuhl.
Danach ziehen wir weiter, wir erfahren, dass es Ende des
17., Anfang des 18. Jahrhunderts eine beachtliche deutsche
Kolonie hier in Chiwa gab. Dabei dürfte es sich wohl um
Mennoniten (eine protestantische Freikirche) aus Holland und
Deutschland gehandelt haben. Sie waren in Chiwa recht beliebt
und anerkannt, da sie handwerklich deutlich weiter waren, als
die einheimische Bevölkerung und somit einige Werkzeuge und
Bearbeitungsprozesse etablierten. Etwa mit dem Einmarsch der
Russen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verließen
diese aber Chiwa wieder und zogen weiter, wohl vornehmlich nach
Nord- und Südamerika,
um sich dort lebenden Gleichgesinnten anzuschließen. Das dürften
dann wohl die Gruppen sein, die man heute Amish People nennt.
Wir wandern noch weiter durch die Stadt und genießen vor allem
die Gespräche mir Elena. Sie hat jede Menge Geschichten zur
Geschichte der Stadt und der Bauwerke parat. Was ich auch sehr
lustig finde, sie hat immer noch diese Lehrer-Attitüde. Einmal,
als sie uns etwas zeigen möchte, zieht sie einen dieser
Kugelschreiber aus der Tasche, die man zu einem Zeigestock
ausziehen kann. Sowas hatte jeder Lehrer früher, bevor man
begann, mit Laserpointern herumzufuchteln. Die Älteren mögen
sich erinnern.
Wir reden mit Elena über viele Themen
abseits unserer Stadtführung. Vieles spricht sie von sich aus
an, so kommen wir auch auf die Wasserversorgung zu sprechen.
Elena betont, dass die intensive Wasserentnahme für die
usbekische Landwirtschaft und damit Selbstversorgung zwingend
notwendig ist. Sie erkennt aber sehr wohl die Probleme, die
damit einhergehen. Es sind ja nicht nur die Usbeken, die den
Flüssen Wasser entziehen, die beiden großen Flüsse Usbekistans
(Amurdarja und Syrdarja) durchqueren mehrere
Länder auf ihrem Weg zum Aralsee. Größte Sorge der Usbeken ist
ein momentan im Bau befindliches Kanalprojekt in Afghanistan, mit
dem eine Wüstenregion in Pakistan bewässert werden soll. Wenn der
Amudarja dadurch erheblich an Wasser verliert, könnte das für
diese Gegend hier um Chiwa und Urgench verheerende Folgen haben.
Sie weiß aber weiterführend zu erzählen, dass sich die Fläche
des Aralsee im Laufe der Jahrtausende schon immer gravierend
verändert hat. Nur dass die momentane Verkleinerung bis hin zur
Austrocknung nicht natürlich ist, erkennt sie, dieses Problem
ist menschengemacht, wie‘s im Neusprech so schön heißt. Nur hat
es nichts mit dem Klimawandel zu tun, oder wenn, dann ist dieser
nur eine minimale Randerscheinung in dieser speziellen Sache.
Es ist fast unmöglich, die Fülle an Informationen, die man
bekommt mitzunehmen. Im Kopf bleiben immer die Gespräche über
Alltäglichkeiten und Kleinigkeiten, aber das macht es doch aus,
deswegen fahren wir ja in fremde Länder, um Leute kennen zu
lernen, die vielleicht einen anderen Blick auf die Dinge und die
Welt als Ganzes haben. Elena hatte das und hat ihre Sicht der
Dinge mit uns geteilt.
Darüber mussten wir beim
abendlichen Bier nochmal nachdenken. Chiwa ist übrigens auch
abends sehr sehenswert. Unabhängig davon, dass die Altstadt
Ichan Qalʼа nurmehr eine Museumsstadt ist.
Morgen früh heißt es bereits wieder "Koffer packen". Unsere
Karawane zieht weiter, in die nächste berühmte Wüstenstadt.