Es geht weiter, wir verlassen Chiwa, das uns sehr gut gefallen
hat. Nicht unmaßgeblich beteiligt daran war unsere Stadtführerin
Elena.
Kamila ist mit dem Fahrer zum verabredeten Zeitpunkt
im Hotel. Es geht ins 430 Kilometer entfernte Buchara, einem der
berühmten Knotenpunkte der historischen Seidenstraße.
Zu
Beginn der Reise geht es wieder über Land, links und rechts
viele Felder, Dörfer und manchmal so etwas wie kleine Städte,
nicht leicht auszumachen.
Wir sehen viele Baumwollfelder und immer wieder die Kanäle,
die das Land hier überhaupt fruchtbar machen. Die Baumwollernte
ist im Gange, alles in Handarbeit. Maschinen sind kaum zu sehen,
die Baumwolle wird per Hand gepflückt. Die Hälfte der
usbekischen Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft, hier
sehen wir warum das so ist.
Einmal sehen wir eine Fabrik, in der die Baumwolle gesammelt
und weiterverarbeitet wird. Da bekommt man erst mal eine
Vorstellung von der Menge, die hier angebaut und verarbeitet
wird. (Leider war keine Möglichkeit zu fotografieren)
Dann, nach etwa anderthalb Stunden erreichen wir die Lebensader
der Region, den Amudarja...
...und damit die Grenze von Chorezm. Elena hatte gestern
bereits mehrfach davon gesprochen, dass Chiwa die Hauptstadt von
Chorezm wäre. Ich hab mittels Google Suche nur ein paar
historische Daten zu Chorezm oder Choresmien gefunden und es als
Namen der hiesigen Provinz abgetan. Aber hier an der Brücke über
den Amudarja stehen beiderseits richtig grimmig dreinschauende
Uniformierte, mit ziemlich eindrucksvollen Flinten in der Hand
(darf man natürlich nicht fotografieren). Die Brücke ist nur
einspurig befahrbar, aber wir haben Glück. Der Stau ist auf der
anderen Seite. Außerdem führen Gleise über die Brücke, das heißt
dann wohl, wenn ein Zug kommt, steht der Autoverkehr auf beiden
Seiten.
Der Fluss führt nicht mehr allzuviel Wasser zu
dieser Jahreszeit, es hat seit Mai (also seit fast 5 Monaten)
nicht geregnet. Wir verlassen hier auch sofort das fruchtbare
Land und kommen in die Wüste. Zuerst noch auf einer kleinen
Hoppelstraße, bald aber auf einen richtigen Highway.
Wenig später halten wir an einem Aussichtspunkt und können
nun wirklich sehen, wie wenig Wasser der Fluss jetzt im
Spätsommer führt.
Die Fahrt dauert weitere 4 Stunden, einmal machen wir Pause
an einem Restaurant, an dem alle Touristen hingeschleppt werden,
es ist ziemlich voll.
Witzige Episode am Rande: etwa alle 30
Minuten, an einer kleinen Polizeistation wird unser Fahrer von
der Straße gewunken. Er bleibt nur kurz stehen, streckt sich
ein, zwei mal und fährt dann weiter. Das soll verhindern, das
die Fahrzeuglenker auf der eintönigen Strecke einschlafen. Die
Straße ist tatsächlich schnürlgerade und links und rechts ist
nichts, außer Sand und ein paar Büschen.
Bevor wir Buchara
erreichen, sehen wir einige Öl- oder Gasförderanlagen. Es
scheint, dass die Verarbeitungsbetriebe direkt daneben in die
Wüste gebaut worden sind.
Dann erreichen wir Buchara,
eine Stadt, die deutlich größer ist als Chiwa und wo der
Tourismus doch eine ganz andere Rolle spielt. Es gibt hier
Unmengen von Hotels, wobei unseres wohl dann doch etwas
Besonderes ist. So ein Zimmerchen hatten wir dann doch noch nie.
Wir gehen dann abends noch mit Kamila zum zentralen Labi
Hovuz Platz zum Essen. Er liegt mitten in der Stadt, die eine
fast vollständige Fußgängerzone bildet. Das Restaurant scheint
sehr beliebt zu sein, jedenfalls ist es brechend voll. Und
danach sind wir müde genug für unsere Luxus-Bude.
Erster Tag
Die ersten Siedlungen an der Oase, an der Buchara liegt wurden
bereits etwa 600 Jahre vor Christus gegründet, meist besiedelt
von arabischen Stämmen, die um das fruchtbare Land jahrhundertelang
stritten.
Im Jahr 1220 wurde Buchara, das damals bereits ein zentraler
Handelsplatz war, von Dschingis Khans Horden erobert und dabei
nahezu vollständig zerstört. Unter Dschingis` Nachfolger Ögedei
Khan wurde Buchara wieder aufgebaut und erreichte wieder den
Status einer großen Handelsstadt, jedoch nur, bis die
mongolischen Herrscher von den Armeen Timur Lenks vertrieben
wurden. Die Timuriden hatten ihre Haupstadt in Samarkand,
entsprechend versank Buchara wieder in der Bedeutungslosigkeit.
Jedoch nur bis zur nächsten Epoche, mit dem Ende der Timuriden
enstand das Khanat der Usbeken, die Buchara zum Zentrum
Zentralasiens machten und damit zu neuer Blüte verhalfen (16. /
17. Jh.). Diese währte, bis zur Machtergreifung der Russen in
Zentralasien. Zwar wurden Buchara und sein Umland im Gegensatz
zu den östlichen Teilen des Emirats (einschließlich Samarkand)
nicht von Russland annektiert und in das neue Generalgouvernement
Turkestan eingegliedert, der russisch-bucharische Handelsvertrag
von 1868 besiegelte jedoch die faktische Kontrolle Russlands über
Buchara, insbesondere über dessen Außenbeziehungen und Wirtschaft.
Das Emirat bestand innerhalb des Russischen Reiches bis 1920 fort.
All diese Sachen erfahren wir im Laufe des Tages von Bella. Eine
Einheimische, die uns die nächsten beiden Tage begleiten wird. Sie mag
wohl schon im Pensionsalter sein, spricht hervorragend verständliches
Deutsch, wenn auch mit einem drolligen russischen Akzent.
Ihr Vortrag beginnt, kaum dass wir im Auto Platz genommen haben.
Zuerst fahren wir zur Chor Minor Moschee, von der eigentlich nur
noch das Eingangstor erhalten ist.
Die Chor Minor Moschee hat keinerlei religiöse Bedeutung
mehr, entsprechend finden sich rundum viele Handwerker und vor
allem Händler im engeren Umkreis, wohl wissend, dass alle
Touristen früher oder später hier vorbeigeschleppt werden. Die
Objekte des Handels sind dabei vor allem Devotionalien aus der
Sowjetzeit, etwas das man hier in Buchara an allen Ecken und
Enden zu sehen bekommt.
Wir nähern uns danach der Innenstadt
Bucharas, die komplett zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Wir
beginnen an der noch aktiven Bolo-Hovuz-Moschee.
Wenige hundert Meter weiter betreten wir den Registan (was
nix weiter wie großer oder zentraler Platz heißt) an dem sich
die Zitadelle Ark anschließt, die sowohl einen Palast als auch
die Moschee des Emirs von Buchara beherbergt.
(Kleine Anmerkung zum letzten Bild: das ist ein Mädel, das da
drin sitzt, mit Schnuller im Mund, fetzte in dem Auto in
atemberaubender Geschwindigkeit über den Platz, ihr arabischer
Vater lief schreiend hinterher. Die hat wahllos über den Haufen
gefahren, wer nicht rechtzeitig zur Seite gesprungen ist.)
Vom Dach des Zitadellenkomplexes hatte man einen fantastischen Blick auf die gesamte
historische Altstadt von Buchara.
Nach dem Abstieg und der Flucht vor der Kamikazin erreichen
wir den Poi Kalon. Der Name des Ensembles stammt aus dem
Persischen und bedeutet „Hof nahe der Großen Moschee“. Der
gesamte Gebäudekomplex besteht aus vier Bauwerken, aus
ganz unterschiedlichen Epochen:
Das älteste ist das Kalon Minarett (frühes 12. Jahrhundert).
Daneben die Kalon Moschee (Große Moschee), vollendet 1514.
Direkt gegenüber steht die Mir-Arab-Madrasa (vollendet
1536/37), die leider eingerüstet war.
An der Südseite des Platzes schlußendlich die erst am Anfang
des 20.Jh. erbaute Alim-Khan-Madrasa, die heute als Bibliothek
fungiert. Davon gibt es irgendwie kein richtiges Foto, war wohl
nicht ganz so spektakulär, wie die anderen Gebäude. (Im
mittleren Bild des Großen Minaretts, links neben dem Minarett zu
sehen.)
Und wem das Ganze noch nicht spektakulär genug aussieht, nachts
wir der Komplex beleuchet.
Zu jedem der Gebäude und der jeweiligen Epoche hat Bella
Geschichten parat, wir plaudern lange mit ihr, das ist wirklich
ein beeindruckender Gebäudekomplex. Wir werden uns in Samarkand
zurückerinnern, dort gibt es etwas ähnliches, aber deutlich
bekannter. (das Bild Usbekistans schlechthin)
Wir ziehen danach weiter zum Basar von Buchara (Toqi Zargaron),
ein ganz wildes Sammelsurium von Kuppelbauten, aber interessant
ist ja eher, was es drinnen gibt.
Es wird schon langsam Nachmittag und wir gehen auf einen
kleinen Imbiss in ein Cafè. Auch dort unterhalten wir uns weiter
mit Kamila und Bella, dabei fällt mir auf, dass die beiden
ausschließlich russisch miteinander sprechen. Das liegt daran,
dass Kamila, die ja aus Urganch stammt, usbekisch spricht, die
Leute hier in Buchara aber tadschikisch.
Das kommt daher,
weil die sowjetischen „Republiken“ vom Meister mit dem
dicken Schnurbart ziemlich willkürlich (in den 1930ern)
eingeteilt worden sind. Daraus resultierend wurden jede Menge
Tadschiken plötzlich Usbeken. (Und umgekehrt genauso.) Ergebnis
daraus: Noch heute reden die Leute hier in Buchara untereinander
tadschikisch, das dem persischen entspringt, während usbekisch
eine Turk-Sprache ist, also mit dem türkischen verwandt ist. Mit
allen Anderen kann man dann russisch sprechen, das kann hier
jeder.
Überhaupt hat hier alles einen (mehr) orientalischen
Touch, als in den bisherigen Städten. Man begrüßt sich hier
(wenn man nicht russisch spricht) mit „Salam aleikum“. Die
vielen Touristen, die zu einem großen Teil aus dem arabischen
Raum stammen, tragen dazu bei. Und führen zu einer Art
Modeerscheinung, nämlich dass sich viele junge Leute vermehrt
muslimischen Traditionen zuwenden, dass das Tragen des Hidschāb
(Kopftuch) bei jungen Mädchen wieder "in" ist. Man empfindet die
arabischen Frauen, die oft einen sehr reichen Eindruck machen,
wohl als eine Art Vorbild. Als Bella uns das erzählt, frage ich
sie, ob das wohl Einfluß auf Uzbekistans Zukunft haben würde.
Sie redet ein wenig um den heißen Brei, aber sie bestätigt meine
Vermutung, dass sich der demokratische Staat (so man ihn denn so
nennen will) in eine muslimische Staatsform ändern wird, die
Tendenzen sind wohl absehbar.
Wir wandern noch weiter durch
die Stadt, sehen noch einige imposante Gebäude und besuchen noch
eine Art Handwerksmarkt / -museum. Mit Farben und Materialien
spielen können sie die Usbeken.
Abendessen gibt es dann auf einer Dachterrasse, die wir und
mit einer großen Gruppe Franzosen teilen, die sich gleich mal
Musik und Tanz dazu bestellt haben. Überhaupt scheinen
Usbekistan-Reisen bei den Franzosen hoch im Kurs zu stehen, die
trifft man hier ziemlich oft an.
Zweiter Tag
Man schläft ja in so `ner orientaischen Burg wunderbar, aber da
wir auch heute wieder ein ziemlich volles Programm haben,
schlafen wir nicht sehr lang. Wir genießen dann ein
hervorragendes Frühstück in unglaublichem Ambiente.
Danach geht`s aber wieder los, Kamila und Bella warten schon
auf uns.
Heute erkunden wir ein wenig das Umland von Buchara,
zuerst fahren wir zum Sommerpalast des Emirs von Buchara.
Die Räume in den Gebäuden sind relativ klein und die
Franzosengruppen unheimlich groß, was zeitweise zu viel Traffic
führt. Zumal Bella es für eine gute Idee hält, den Rundgang
entgegen der vorgegebenen Richtung zu machen.
Wir fahren danach durch mehrere kleinere Dörfer und Bella weist
uns auf die Rohrleitungen hin, die zu jedem Haus führen. Jedes
Haus hat mittlerweile einen Gasanschluss (man bedenke: wir leben
im 21. Jahrhundert!). Darüber kommen wir auf
die Bodenschätze Usbekistans zu sprechen. Usbekistan ist reich
an Vorkommen aller Art, von Gas über Öl und Uran bis hin zu
Metallen aller Art.
Erdgas ist dabei der Exportschlager
Nummer zwei (auch nach Deutschland), nach Gold. Im Winter kommt
es dadurch aber schon mal zu Engpässen bei der Versorgung der
Dörfer, da dem Export ganz klar Priorität eingeräumt wird. Das
führt dazu, dass die Leute die Dörfer so lange verlassen und zu
Verwandten in die Städte ziehen, sofern welche da sind.
Ansonsten müssen sie sich dort ein Zimmer mieten. In Usbekistan
werden die Winter kalt, hier in der Wüste rund um Buchara sind
minus 10 Grad normal, es kann auch deutlich kälter werden. Und
es fällt auch Schnee im Winter
Wir kommen dann zum Chor Bakr Memorial Komplex, einer Nekropole,
also einem Friedhof, der sich zu einer Pilgerstätte für Muslime
aus aller Welt entwickelt hat.
Der Imam der dortigen Moschee hat eine Taubenzucht, die er
Kamila ausführlich vorgestellt hat. Ob`s ihr gefallen hat, bin
ich mir nicht hundertprozent sicher.
Wir verbringen eine ganze Zeit hier, was auch wiederum damit
zu tun hat, dass Bella unheimlich viel zu erzählen hat. Ganz
ehrlich, man kann nur einen Bruchteil der Informationen
behalten, aber es ist so beeindruckend, wie umfangreich die
Guides (in allen Städten) informieren können. Ich hatte Bella
auch gefragt, ob sie auch als Lehrerin arbeiten würde (war
bisher bei allen so), sie antwortete, sie habe zwar Lehramt
studiert, aber bereits nach einem Jahr gemerkt, dass sie mehr
Spaß am Job als Reiseleiterin hatte. Was ihr zu Sowjetzeiten
auch mehrere Reisen in die DDR und sogar in die BRD ermöglichte.
Danach fahren wir zum Mausoleum der Samaniden, der ersten
Dynastie einheimischer Herrscher. Benannt wurde die Dynastie
nach dem ersten in ihrer Reihe Ismoil Samoniy, irgendwann im 9.
Jahrhundert. Mittelpunkt des Samananidenreiches war Chorezmien,
also das Gebiet um Buchara und Chiwa bis weit nach Turkmenistan.
Das Samanidenreich existierte aber wohl nur etwa 200 Jahre.
Dann ist unsere Reise mit Bella beendet. Auch heute hat‘s
wieder länger gedauert, als geplant. Weil wir aber auch immer
soviele Fragen stellen, auch abseits des vorgegebenen Programms.
Nein, im Ernst, ich glaube, dass es ihr auch Spaß gemacht hat,
sie ist Reiseführerin mit Leib und Seele, das merkt man.
Einen Programmpunkt haben wir noch: Wir haben uns bei Kamila
beschwert, dass uns jeder von Plov, dem usbekischen
Nationalgericht erzählt, aber wir haben noch keinen bekommen.
Also beauftragen wir den Fahrer, uns zur besten Plov Küche
der Stadt zu fahren. Was gleichzeitig mit sich bringt, dass wir
zum ersten Mal nicht in ein Touri Restaurant geschleppt werden,
sondern dort essen gehen, wo die Einheimischen essen gehen.
Uns schmeckt das Gericht prima, sogar Kamila hat, entgegen
ihrer normalen Gewohnheit ganz gut zugelangt. Offensichtlich ist
sie dem einheimischen Essen mehr zugetan.
Danach ist ein wenig Siesta und nach dem Abendessen gehen wir noch
ein wenig auf Fotosafari. Morgen geht die Reise nach einem lazy
Vormittag schon wieder weiter.