Wir stehen pünktlich 4:45 Uhr vor unserem Hotel,
Zamir kommt wenige Minuten später und auch der Fahrer taucht
gleich auf. Es geht zum Flughafen, auf der Straße ist noch gar
nichts los, also sind wir rechtzeitig beim Check in und einen
Kaffee gibt`s auch noch..
Alles läuft reibungslos und wir heben auf die Minute genau ab.
Vom Flugzeug aus sehen wir den wahren Charakter des Landes,
eigentlich eine riesige Wüste. Mit wenigen Oasen, die heute
die Großstädte darstellen und viel fruchtbarem Land entlang
der beiden Flüsse Syrdarja und Amudarja,
dessen Verlauf wir während des Fluges verfolgen können.
Nukus ist die Hauptstadt der autonomen Republik Karakalpak .
Es gehört zwar politisch zu Usbekistan, sie haben aber ein
eigenes Parlament und einen privaten Oberhäuptling. Sie sprechen
einen Akzent, der dem Kasachischen näher ist, als der
usbekischen Sprache. Ich kann das zwar nicht raushören, aber ich
kann googeln (im Hotel mit WiFi). Das kann nicht jeder in
unserer kleinen Reisegruppe.
In Nukus, unserem Ziel,
werden wir wie immer abgeholt. Die Logistik ist perfekt
organisiert.
Wir fahren zum Karakalpak State Museum of Art,
einer Kunstsammlung von Igor Savitsky.
Savitsky wurde 1915 in Kiew geboren, nicht unbedingt in
ärmlichen Verhältnissen. Er reiste viel und besuchte 1950 zum
ersten Mal Karakalpakstan um an einer ärchäologischen Expedition
teilzunehmen. Anscheinend gefiel es ihm dort, jedenfalls
verlegte er seinen Wohnsitz daraufhin nach Nukus, der Hauptstadt
von Karakalpakstan, wo er begann Kunst zu sammeln. Savitsky
hatte offenbar ein Talent den Leuten alles abzuschwatzen, so kam
er zu seinem eigenen Museum, dessen Kurator er wurde. In der
Folge konzentrierte er sich mehr und mehr auf Werke russischer
Avantgardisten, deren Bilder im Sozialismus der Stalinzeit nicht
unbedingt en vogue waren. So gesehen hat er wahrscheinlich viele
Bilder vor der Zerstörung bewahrt, weil auf die kleine Stadt in
der asiatischen Wüste keiner der Meister aus Moskau ein Auge
hatte.
Die aktuelle Ausstellung heißt „Usbekistan: Avant-Garde in
the Desert“ und wird uns präsentiert von einem jungen Mädel in
perfektem Englisch. Mein Geschmack sind viele der Bilder nicht,
aber interessant ist es auf jeden Fall. Wir lernen eine ganze
Menge, nicht nur über die Künstler, auch über die Geschichte
Usbekistans in Sowjetzeiten. Und wiederum ein bisschen was, wie
die Leute hier auf die Sowjetunion geblickt haben. Auch, wenn
das Mädel viel zu jung ist, um aus eigener Erfahrung zu
sprechen, erstaunt doch die Sichtweise manches Mal.
Wir
nehmen noch einen kleinen Lunch und verlassen dann Nukus bereits
wieder.
Wir fahren nun quer durch die Kyzylkum Wüste nach Chiwa.
Also eigentlich sollte die gesamte Strecke durch die Wüste
gehen, aber nach etwa einer Stunde überqueren wir den Amurdarja
und fahren fortan auf schrecklichsten Landstraßen durch
nichtssagende Dörfer. Keine Ahnung, ob das wieder eine von
Zamirs zündenden Ideen war, oder ob der Fahrer wieder schuld
war, es hat keinen Sinn mit ihm darüber noch zu reden. Kurz vor
Urgench versucht er uns etwas zu erklären, wir können seinem
hilflosen Gestammel keinen Sinn entnehmen. Das Geld für sein
Deutschstudium war auf jeden Fall nicht gut angelegt. In Urgench
angekommen, wird klar, was er uns erzählen wollte. Wir halten an
einer sehr lauten, sehr staubigen Baustelle an und er gedenkt
uns hier zu verlassen. Er hatte uns mehrfach erzählt, dass er
uns bis zum Hotel in Chiwa begleiten wird und dort die Übergabe
an die neue Reiseleiterin stattfindet. Es war wieder eine Lüge,
der Wechsel findet hier am Straßenrand statt. Nachdem wir 10
Minuten im Dreck gestanden sind, kommt Kamila, ein sehr junges
Mädchen und gibt uns begeistert bekannt, dass sie die Neue wäre.
Und weil`s mit Zamir als Neuling so blendend geklappt hat,
erzählt sie uns gleich, dass wir auch erst ihr zweiter Auftrag
wären. Irgendwie kommen wir uns vor, wie in einem schlechten
Roadmovie.
Egal, er ist Geschichte, sie soll ihre Chance
bekommen.
Wir fahren noch etwa 30 Minuten und landen dann in
Chiwa. Der Kern der Stadt ist die historische Altstadt, die
komplett von einer Sandsteinmauer umgeben ist. Unser Hotel ist
direkt nebendran, wo wir kurz einchecken, um anschließend
besagte Altstadt zu erkunden.
Bereits beim Abendessen mit Kamila wird ein entscheidender
Unterschied zu ihrem Vorgänger ersichtlich. Sie hat die
Reiseunterlagen gelesen. Sie weiß, was wir in den vergangenen
Tagen gemacht haben (oder hätten machen sollen) und was für die
nächsten Tage ansteht. Zumindest das sollte dann ab jetzt
klappen und wird es auch.