Taschkent

22. September 2025


Wir krabbeln einigermassen erholt aus den Betten und genießen ein prima Frühstück und wären über selbiges fast zu spät zum vereinbarten Treffpunkt gekommen. Zamir erwartet uns zusammen mit Olga, einer Einheimischen, die uns heute ihre Stadt zeigen möchte. Sie spricht hervorragend deutsch und plaudert gleich mal munter drauf los. Wir fahren zuerst ein paar Formalitäten erledigen, sprich Geld umtauschen. Nachdem das erledigt ist, gehen wir einmal über den Platz und landen bei einem typischen Heldendenkmal der Sowjetzeit.

Courage Denkmal für die Opfer des Erdbebens vom 26. April 1966 Courage Denkmal für die Opfer des Erdbebens vom 26. April 1966

Das Denkmal ist aber nicht irgendwelchen Kriegshelden gewidmet, sondern erinnert an den Wiederaufbau der Stadt nach dem verheerenden Erdbeben vom 26. April 1966.
Olga gibt uns jetzt gleich mal einen Crashkurs zur Geschichte der Stadt: Taschkent oder usbekisch Toschkent stammt vom arabischen Schāsch und bedeutet Steinstadt oder Stadt aus Steinen. Taschkent war von so jedem marodierenden Stamm der Gegend mal irgendwann besetzt, wurde aber genauso regelmässig wieder aufgegeben, weil es in schöner Regelmässigkeit von Erdbeben heimgesucht wurde. Etwa alle 100 Jahre sagt man, das letzte (große) war eben 1966. Bleiben also noch etwa 40 Jahre, bis man sich verkrümeln sollte. Und eben diese Erdbeben sind halt auch dafür verantwortlich, dass es keine nennenswerte, zusammenhängende Altstadt gibt.
Wohl aber einige sehenswerte alte Bauwerke, eines davon ist der Hazrati-Imam-Komplex. Das bedeutet Heiliger Imam, gemeint ist damit Abu Bakr ibn Ismail al-Kaffal asch-Schoshi, ein Imam in Taschkent, Kenner jeder nur erdenklichen Wissenschaft, Handwerker (unter anderem Schlosser) und Beherrscher von angeblich 72 Sprachen. Mehr ist nicht bekannt, nicht mal, wann der Wunderknabe gelebt hat.

Hazrati-Imam-Komplex - Tillya Shayx Moschee Hazrati-Imam-Komplex - Tillya Shayx Moschee Hazrati-Imam-Komplex - Bibliothek Hazrati-Imam-Komplex Hazrati-Imam-Komplex

Der Komplex besteht aus mehreren Gebäuden, der Tilla Scheikh Moschee, einer Madrassa (Koranschule) und einer Bibliothek für orientalische Manuskripte. Diese beinhaltet u.a. einen Koran aus der Zeit des Kalifen Uthman mit 353 großen Pergamentblättern. Anfangs befand sich der Koran in Medina, dann in Damaskus und Bagdad. Von Bagdad brachte Timur den Koran nach Samarkand. Im Jahr 1869 wurde in Sankt Petersburg die Echtheit des Uthman-Korans nachgewiesen. Von dort aus wurde er nach Ufa (Baschkortostan) und schließlich nach Taschkent gebracht. Dies ist das angeblich einzige erhaltene Originalmanuskript des Korans, wie ein Zertifikat der UNESCO vom 28. August 2000 bestätigt. Selbstverständlich ist es nicht erlaubt, dieses weitgereiste Büchlein zu fotografieren. "Viele Touristen machen das heimlich" spricht Olga und wendet sich ab.

Hazrati-Imam-Komplex - Uthman Koran (älteste erhaltene Abschrift des Koran) Hazrati-Imam-Komplex Hazrati-Imam-Komplex - Muyiy Mubarak Medrese Hazrati-Imam-Komplex Hazrati-Imam-Komplex - Muyiy Mubarak Medrese Hazrati-Imam-Komplex Hazrati-Imam-Komplex Hazrati-Imam-Komplex Hazrati-Imam-Komplex von rechts: Olga, Zamir, unbekannter Tourist

Und nicht nur in vergangenen Zeite konnten die Usbeken fantastische Burgen bauen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird gerade eine das neue Islamic Civilization Center (Islom Sivilizatsiya markazi) gebaut. Kleckern ist da nicht angesagt, leider ist das alles noch Baustelle, da kommt man nicht ran.

Islamic Civilization Center Islamic Civilization Center Islamic Civilization Center

Wir verlassen die heilige Stätte und wenden uns nun weltlicheren Dingen, nämlich dem Chorsu Bazar zu. Der Altstadtmarkt ist der größte seiner Art in Taschkent. Unter seiner zirkusartigen Kuppel gibt`s einfach alles, was man nicht braucht. Ähnlich wie in Vietnam oder Indonesien, nur hier ist`s aufgeräumter und die meisten Viecher, die das Pech haben, hier über den Tresen zu wandern, sind schon tot.

Chorsu Basar Chorsu Basar Chorsu Basar Chorsu Basar Chorsu Basar Chorsu Basar Chorsu Basar Chorsu Basar Chorsu Basar Chorsu Basar Chorsu Basar

Wir spulen aber nicht nur einfach unser Programm ab, wir kommen auch immer wieder mit Olga ins Gespräch. Sie erzählt viel über sich und ihr Land und hält auch mit ihrer Meinung nicht hinter`m Berg. Unter anderem gibt sie uns Einblicke, wie die Leute hier zur vorherrschenden Relegion, dem Islam stehen. Obwohl ca. 80% der Bevölkerung muslimischen Glaubens sind und dessen Gebote auch respektieren, leben die meisten doch recht weltlich. Olga glaubt auch, dass die Trennung von Staat und Relegion gut funktioniert und es keine Bedenken gibt, dass sich das in Zukunft ändern könnte. Eine Meinung, die nicht alle teilen, wie wir noch hören werden.
Nach einem Break for Lunch zeigt uns Olga noch ein Museum für Handwerkskunst, wo wir zum ersten Mal einen Eindruck bekommen, welche Künstler die Usbeken sind. Man wird von den Farben regelrecht erschlagen und die filigranen Arbeiten beeindrucken immens, egal ob Töpferei, Seiden- und Wollweberei oder Holzschnitzerei.

Museum der angewandten Kunst Museum der angewandten Kunst Museum der angewandten Kunst Museum der angewandten Kunst Museum der angewandten Kunst Museum der angewandten Kunst Museum der angewandten Kunst Museum der angewandten Kunst Museum der angewandten Kunst

Uns fällt auf, dass sich Olga und Zamir immer mal wieder auf russisch unterhalten. Olga erklärt auf meine Frage, dass usbekisch zwar die Nationalsprache sei, aber alle in der Schule vom ersten Tag an auch russisch lernen. Es gibt auch Schulen, in denen auf russisch unterrichtet wird, dort ist dann usbekisch sozusagen die erste Fremdsprache. Und so vermischen sich auch im Alltag beide Sprachen miteinander. Das Beherrschen der russischen Sprache ist auch notwendig, da in vielen Gegenden (etwa in Buchara) gar kein usbekisch gesprochen wird, dort spricht man tadschikisch.
Wir sehen auch, dass viele Schilder, Werbetafeln, Leuchtreklamen etc. neben den lateinischen Buchstaben auch in kyrillischen Lettern zu sehen sind. Olga erläutert, dass nach der Unabhängigkeit von Russland (1991) etwa 1995 beschlossen wurde, wieder zum lateinischen Alphabet zurück zu kehren. Man veranschlagte etwa 10 Jahre, um komplett vom vorher gültigen kyrillischen Schriftsatz weg zu kommen. Dabei unterschätzte man eben die Tatsache, dass mehrere Generationen nur mit diesen kyrillischen Buchstaben aufgewachsen waren. Alle, die bis eben 1995 zur Schule gegangen waren, beherrschen schlicht das lateinische Alphabet nicht, oder mussten sich das erst aneignen. So existieren also bis heute beide Schriften nebeneinander und das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben.

Was danach folgt ist ein echtes Juwel zeitgenössischer Architektur und der Beweis, dass U-Bahnen nicht zwingend verdreckte Löcher voller seltsamer Gestalten sein müssen. Es war voll und es war Rush Hour, natürlich hat mal wer geschoben, aber da war keinerlei Aggressivität im Spiel. Und vor allem lag kein Fitzel Papier am Boden, kein Vergleich zu deutschen oder allgemein westeuropäischen U-Bahn Stationen. Einfach wow!

Metro Taschkent Metro Taschkent Metro Taschkent Metro Taschkent Metro Taschkent Metro Taschkent Metro Taschkent Metro Taschkent Metro Taschkent Metro Taschkent

Wir verlassen die Metro schon wieder in der Nähe unseres Hotels, haben aber noch ein paar Sachen bis dahin zu erledigen.
Wir kommen zunächst zum Amir-Timur-Park. Hier steht ein Denkmal des Knabens, der in Usbekistan verehrt wird, wie ein Heiliger. Er verscheuchte im 14. Jahrhundert Dschingis Khans Gesellen bzw. deren Nachfahren und begründete die Dynastie der Timuriden. Sein Reich war ziemlich groß, aber dazu kommen wir an späteren Stationen noch ausführlicher.

Amir-Timur-Park Amir-Timur-Park

Auf dem weiteren Weg erreichen wir dann den Romanow-Palast. Das Bauwerk an sich ist gar keine solche Perle, dass es wert wäre hier Station zu machen, man kommt auch gar nicht rein, es modert hier nur so vor sich hin. Aber der Speißgeselle, der hier gehaust hat, hat eine illustre Geschichte. Es handelt sich dabei Nikolai Konstantinowitsch Romanow, einem Neffen von Zar Alexander II. Dieser Neffe war wohl ein ganz schwarzes Schaf im Clan der Romanows, er hatte zahlreiche Affären, sein Umgang war alles andere als standesgemäß und er beglückte wohl seine Liebschaften ständig mit teuren Geschenken, die er sich gar nicht leisten konnte. Das führte dann so weit, dass sich Nikolai der Lebemann an den Juwelen der Frau Mama vergriff und diese zu Geld machte. Daraufhin wurde Nicki vom Hofe in Sankt Petersburg verbannt, die zentralasiatischen Provinzen waren ein beliebtes Ziel für in Ungnade Gefallene aller Art.
In Taschkent allerdings wurde Nikolai Romanow zu einem der angesehensten Bürger der Stadt und förderte zahlreiche Projekte in den Bereichen Infrastruktur und Kultur. Ganz hatte man ihm den Geldhahn wohl doch nicht abgedreht.

Palace of Grand Duke Nicholas Constantinovich Palace of Grand Duke Nicholas Constantinovich

Unser letzter Anlaufpunkt für heute ist der Theaterplatz. So schön das Theater mit dem davor liegenden Brunnen in Form einer Baumwollkapsel auch sein mag, die Geschichte des Platzes ist das Highlight. Im Volksmund heiß der Platz nämlich Markt der Besoffenen.
Im damals bereits muslimischen Taschkent hatten die russischen Besatzer aus dem Zarenreich wenig Verständnis für das Alkoholverbot. Deswegen erbauten sie sich ihr eigenes Viertel (das Olga immer „das europäische Viertel“ nennt) und eröffneten dort Kneipen. Ganze 26 rund um den Platz. Was den Namen erklären dürfte.
Das Theater, welches dem Platz heute den Namen gibt, wurde erst viel später erbaut.

Mustakillik Fountain Alischer Nawoï Oper

Abends fahren wir dann noch zum Essen, was sich aber als ziemlicher Reinfall entpuppt. Die Kneipe heißt Bavaria Placa, was ja an sich schon ein seltsamer Scherz ist. Ich reise nicht tausende Kilometer weit, um meine heimische Küche zu genießen. Das Lokal hat auch überhaupt nichts bayrisches an sich, dafür aber anscheinend die Stromrechnung nicht bezahlt. Jedenfalls fällt nach einer Weile der Strom komplett aus, das scheint aber nicht so selten zu passieren, man hatte sofort Kerzen parat. Als die auf alle Tische verteilt waren, gab`s auch wieder elektrisches Licht, wohl aber nicht in der Küche, unser Essen war nämlich kalt.

Später rekapitulieren wir den Tag noch an der Hotelbar, oder zumindest das, was wir behalten konnten. Die unglaubliche Fülle an Informationen, die wir von Olga bekommen hatten, kann sich ein normales Hirn nicht merken. Das Mädel war einfach unglaublich, unser erster Tag hier in Usbekistan ein voller Erfolg. So kann`s weiter gehen.