Wir krabbeln einigermassen erholt aus den Betten und
genießen ein prima Frühstück und wären über selbiges fast zu
spät zum vereinbarten Treffpunkt gekommen. Zamir erwartet uns
zusammen mit Olga, einer Einheimischen, die uns heute ihre Stadt
zeigen möchte. Sie spricht hervorragend deutsch und plaudert
gleich mal munter drauf los. Wir fahren zuerst ein paar
Formalitäten erledigen, sprich Geld umtauschen. Nachdem das
erledigt ist, gehen wir einmal über den Platz und landen bei
einem typischen Heldendenkmal der Sowjetzeit.
Das Denkmal ist aber nicht irgendwelchen Kriegshelden
gewidmet, sondern erinnert an den Wiederaufbau der Stadt nach
dem verheerenden Erdbeben vom 26. April 1966.
Olga gibt uns
jetzt gleich mal einen Crashkurs zur Geschichte der Stadt:
Taschkent oder usbekisch Toschkent stammt vom arabischen Schāsch
und bedeutet Steinstadt oder Stadt aus Steinen. Taschkent war
von so jedem marodierenden Stamm der Gegend mal irgendwann
besetzt, wurde aber genauso regelmässig wieder aufgegeben, weil
es in schöner Regelmässigkeit von Erdbeben heimgesucht wurde.
Etwa alle 100 Jahre sagt man, das letzte (große) war eben 1966.
Bleiben also noch etwa 40 Jahre, bis man sich verkrümeln sollte.
Und eben diese Erdbeben sind halt auch dafür verantwortlich,
dass es keine nennenswerte, zusammenhängende Altstadt gibt.
Wohl aber einige sehenswerte alte Bauwerke, eines davon ist der
Hazrati-Imam-Komplex. Das bedeutet Heiliger Imam, gemeint ist
damit Abu Bakr ibn Ismail al-Kaffal asch-Schoshi, ein Imam in
Taschkent, Kenner jeder nur erdenklichen Wissenschaft,
Handwerker (unter anderem Schlosser) und Beherrscher von
angeblich 72 Sprachen. Mehr ist nicht bekannt, nicht mal, wann
der Wunderknabe gelebt hat.
Der Komplex besteht aus mehreren Gebäuden, der Tilla Scheikh Moschee,
einer Madrassa (Koranschule) und einer Bibliothek für
orientalische Manuskripte. Diese beinhaltet u.a. einen Koran aus der
Zeit des Kalifen Uthman mit 353 großen Pergamentblättern. Anfangs befand
sich der Koran in Medina, dann in Damaskus und Bagdad. Von Bagdad brachte
Timur den Koran nach Samarkand. Im Jahr 1869 wurde in Sankt Petersburg
die Echtheit des Uthman-Korans nachgewiesen. Von dort aus wurde er nach
Ufa (Baschkortostan) und schließlich nach Taschkent gebracht. Dies ist das
angeblich einzige erhaltene Originalmanuskript des Korans, wie ein Zertifikat
der UNESCO vom 28. August 2000 bestätigt. Selbstverständlich ist
es nicht erlaubt, dieses weitgereiste Büchlein zu fotografieren.
"Viele Touristen machen das heimlich" spricht Olga und wendet
sich ab.
Und nicht nur in vergangenen Zeite konnten die Usbeken
fantastische Burgen bauen. Auf der gegenüberliegenden
Straßenseite wird gerade eine das neue
Islamic Civilization Center (Islom Sivilizatsiya markazi) gebaut. Kleckern ist
da nicht angesagt, leider ist das alles noch Baustelle, da kommt
man nicht ran.
Wir verlassen die heilige Stätte und wenden uns nun
weltlicheren Dingen, nämlich dem Chorsu Bazar zu. Der
Altstadtmarkt ist der größte seiner Art in Taschkent. Unter
seiner zirkusartigen Kuppel gibt`s einfach alles, was man nicht
braucht. Ähnlich wie in Vietnam oder Indonesien, nur hier ist`s
aufgeräumter und die meisten Viecher, die das Pech haben, hier
über den Tresen zu wandern, sind schon tot.
Wir spulen aber nicht nur einfach unser Programm ab, wir
kommen auch immer wieder mit Olga ins Gespräch. Sie erzählt viel
über sich und ihr Land und hält auch mit ihrer Meinung nicht
hinter`m Berg. Unter anderem gibt sie uns Einblicke, wie die
Leute hier zur vorherrschenden Relegion, dem Islam stehen.
Obwohl ca. 80% der Bevölkerung muslimischen Glaubens sind und
dessen Gebote auch respektieren, leben die meisten doch recht
weltlich. Olga glaubt auch, dass die Trennung von Staat und
Relegion gut funktioniert und es keine Bedenken gibt, dass sich
das in Zukunft ändern könnte. Eine Meinung, die nicht alle
teilen, wie wir noch hören werden.
Nach einem Break for Lunch zeigt uns Olga noch ein Museum
für Handwerkskunst, wo wir zum ersten Mal einen Eindruck
bekommen, welche Künstler die Usbeken sind. Man wird von den
Farben regelrecht erschlagen und die filigranen Arbeiten
beeindrucken immens, egal ob Töpferei, Seiden- und Wollweberei
oder Holzschnitzerei.
Uns fällt auf, dass sich Olga und Zamir immer mal wieder auf russisch
unterhalten. Olga erklärt auf meine Frage, dass usbekisch zwar
die Nationalsprache sei, aber alle in der Schule vom ersten Tag
an auch russisch lernen. Es gibt auch Schulen, in denen auf
russisch unterrichtet wird, dort ist dann usbekisch sozusagen
die erste Fremdsprache. Und so vermischen sich auch im Alltag beide
Sprachen miteinander. Das Beherrschen der russischen Sprache ist auch
notwendig, da in vielen Gegenden (etwa in Buchara) gar kein
usbekisch gesprochen wird, dort spricht man tadschikisch.
Wir sehen auch, dass viele Schilder, Werbetafeln,
Leuchtreklamen etc. neben den lateinischen Buchstaben auch in
kyrillischen Lettern zu sehen sind. Olga erläutert, dass nach
der Unabhängigkeit von Russland (1991) etwa 1995 beschlossen
wurde, wieder zum lateinischen Alphabet zurück zu kehren. Man
veranschlagte etwa 10 Jahre, um komplett vom vorher gültigen
kyrillischen Schriftsatz weg zu kommen. Dabei unterschätzte man
eben die Tatsache, dass mehrere Generationen nur mit diesen
kyrillischen Buchstaben aufgewachsen waren. Alle, die bis eben
1995 zur Schule gegangen waren, beherrschen schlicht das
lateinische Alphabet nicht, oder mussten sich das erst aneignen. So existieren also bis heute beide Schriften
nebeneinander und das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben.
Was danach folgt ist ein echtes Juwel zeitgenössischer Architektur
und der Beweis, dass U-Bahnen nicht zwingend verdreckte Löcher
voller seltsamer Gestalten sein müssen. Es war voll und es war
Rush Hour, natürlich hat mal wer geschoben, aber da war
keinerlei Aggressivität im Spiel. Und vor allem lag kein Fitzel
Papier am Boden, kein Vergleich zu deutschen oder allgemein
westeuropäischen U-Bahn Stationen. Einfach wow!
Wir verlassen die Metro schon wieder in der Nähe unseres
Hotels, haben aber noch ein paar Sachen bis dahin zu erledigen.
Wir kommen zunächst zum Amir-Timur-Park. Hier steht ein Denkmal
des Knabens, der in Usbekistan verehrt wird, wie ein Heiliger.
Er verscheuchte im 14. Jahrhundert Dschingis Khans Gesellen bzw.
deren Nachfahren und
begründete die Dynastie der Timuriden. Sein Reich war ziemlich groß,
aber dazu kommen wir an späteren Stationen noch ausführlicher.
Auf dem weiteren Weg erreichen wir dann den Romanow-Palast. Das
Bauwerk an sich ist gar keine solche Perle, dass es wert wäre
hier Station zu machen, man kommt auch gar nicht rein, es modert
hier nur so vor sich hin. Aber der Speißgeselle, der hier
gehaust hat, hat eine illustre Geschichte. Es handelt sich dabei
Nikolai Konstantinowitsch Romanow, einem Neffen von Zar
Alexander II. Dieser Neffe war wohl ein ganz schwarzes Schaf im
Clan der Romanows, er hatte zahlreiche Affären, sein Umgang war
alles andere als standesgemäß und er beglückte wohl seine
Liebschaften ständig mit teuren Geschenken, die er sich gar
nicht leisten konnte. Das führte dann so weit, dass sich Nikolai
der Lebemann an den Juwelen der Frau Mama vergriff und diese zu
Geld machte. Daraufhin wurde Nicki vom Hofe in Sankt Petersburg
verbannt, die zentralasiatischen Provinzen waren ein beliebtes
Ziel für in Ungnade Gefallene aller Art.
In Taschkent allerdings wurde Nikolai Romanow zu einem der angesehensten
Bürger der Stadt und förderte zahlreiche Projekte in den
Bereichen Infrastruktur und Kultur.
Ganz hatte man ihm den Geldhahn wohl doch nicht abgedreht.
Unser letzter Anlaufpunkt für heute ist der Theaterplatz. So
schön das Theater mit dem davor liegenden Brunnen in Form einer
Baumwollkapsel auch sein mag, die Geschichte des Platzes ist das
Highlight. Im Volksmund heiß der Platz nämlich Markt der
Besoffenen.
Im damals bereits muslimischen Taschkent hatten
die russischen Besatzer aus dem Zarenreich wenig Verständnis für
das Alkoholverbot. Deswegen erbauten sie sich ihr eigenes
Viertel (das Olga immer „das europäische Viertel“ nennt) und
eröffneten dort Kneipen. Ganze 26 rund um den Platz. Was den
Namen erklären dürfte.
Das Theater, welches dem Platz heute
den Namen gibt, wurde erst viel später erbaut.
Abends fahren wir dann noch zum Essen, was sich aber als
ziemlicher Reinfall entpuppt. Die Kneipe heißt Bavaria Placa,
was ja an sich schon ein seltsamer Scherz ist. Ich reise nicht
tausende Kilometer weit, um meine heimische Küche zu genießen. Das
Lokal hat auch überhaupt nichts bayrisches an sich, dafür aber
anscheinend die Stromrechnung nicht bezahlt. Jedenfalls fällt
nach einer Weile der Strom komplett aus, das scheint aber nicht
so selten zu passieren, man hatte sofort Kerzen parat. Als die
auf alle Tische verteilt waren, gab`s auch wieder elektrisches
Licht, wohl aber nicht in der Küche, unser Essen war nämlich
kalt.
Später rekapitulieren wir den Tag noch an der
Hotelbar, oder zumindest das, was wir behalten konnten. Die
unglaubliche Fülle an Informationen, die wir von Olga bekommen
hatten, kann sich ein normales Hirn nicht merken. Das Mädel war
einfach unglaublich, unser erster Tag hier in Usbekistan ein
voller Erfolg. So kann`s weiter gehen.