Wir sind 9:00 Uhr mit Zamir verabredet,
allein es ist keine Spur von ihm zu sehen. Während wir mit
unserem Gepäck pünktlich vorm Hotel stehen, kommt er mit 10
minütiger Verspätung daher, der Verkehr wäre unerwartet stark
gewesen. Kann ja keiner ahnen in einer 3 Millionen Stadt. Der
Fahrer läuft zwar auch schon rum, hat sein Auto aber anscheinend in
einem anderen Stadtteil geparkt. Jedenfalls dauert es noch mal
10 Minuten, bis es losgehen kann.
Im Nachhinein betrachtet, bahnt sich hier schon an,
was der gesamte Ausflug werden wird, eine Katastrophe, die im
Austausch des Herrn Reiseleiter gipfeln wird. Aber der Reihe
nach.
Unser Fahrer hat mehrere Smartphones, eines bemüht er
wohl als Navigationssystem, gleichwohl er sich gleich mal
gründlich verfährt. Jedenfalls biegt er auf eine staugeplagte
6-spurige Straße, auf welcher er nach ca. 500 einen 180° U-Turn
hinlegt und in entgegengesetzter Richtung gleich mal in den
nächsten Stau reinfährt.
Wir beobachten das Ganze von hinten
und vertrauen ihm natürlich vollständig. Er ist schließlich der
Einheimische…
Das Spiel wiederholt er heute noch öfter, in
diversen Ortschaften. Entweder traut er dem Navi nicht,
vielleicht weil’s ne Frauenstimme ist, oder er ist einfach
planlos.
Wir fahren also dahin, es dauert fast eine
Stunde, bis wir aus Taschkent raus sind. Die Außenbezirke sind
nicht wirklich architektonische Diamanten, aber das ist wohl in
jeder Großstadt so.
Danach wird`s ländlich, wir fahren an
viel Landwirtschaft vorbei. Getreide, Tomaten und ein wenig
Baumwolle. Usbekistan hat reichlich Landwirtschaft, mehr als die
Hälfte der Bevölkerung arbeitet in selbiger. Obwohl es
eigentlich ein Wüstenland ist, aber man versteht es seit jeher,
die vorhandenen Flüsse anzuzapfen, zu kanalisieren und damit
Land zu bewässern. Mit Folgen für den Aralsee, der dadurch
austrocknet.
Nach etwa einer weiteren Stunde beginnt die
Straße anzusteigen, es geht ins Tianshan Gebirge
(Himmelsgebirge). Und das ist hoch. So grün es unten war, je
weiter es hoch geht, umso steiniger und staubiger wird es. Mit
zunehmendem Wind hat das zur Folge, das die Fernsicht gegen Null
geht.
Leider gibt es kaum Möglichkeiten anzuhalten, einmal stoppen
wir an einer Art Stausee, der Fahrer fährt etliche hundert Meter
auf einem Feldweg entlang, kommt aber wohl doch nicht dahin, wo
er wollte. So fährt er denn die gesamte Strecke im Rückwärtsgang
wieder zurück. Ich schau besser nicht raus, es geht einige Meter
abwärts, direkt neben dem Weg...
Die Strecke geht nun steil bergan, das überfordert einge der
betagten LKW und PKW, mehrere bleiben hier auf der Strecke. Kein
Problem mit der Steigung hatte dagegen die Schafherde, die mal
eben über den Highway getrabt ist. Sieht man ja auch nicht alle
Tage.
Schließlich erreichen wir den Kamchik Pass auf etwa
2.000 Meter überm Meer. (Der höchste Punkt erreicht 2,268 Meter
(7,441 ft), aber der Tunnel war nicht ganz oben). Das hier ist
exakt die Route, die die Händlerkarawanen in grauer Vorzeit
nehmen mussten, um die kostbare Seide aus China nach Europa zu
bringen. Heute geht es allerdings durch den Berg.
Kaum durch den Tunnel durch, geht es bergab. Auf der
Gegenspur ist nun das Drama der schnaufenden Fahrzeuge zu
erleben, auf unserer Seite riecht es eher nach Gummi und
kaputten Bremsen.
Noch etwa eine Stunde Fahrzeit, dann
landen wir in Kokand, eine der größeren Städte im Ferganatal.
Wir besichtigen den Palast des Khudayar Khan. Und hier beweist
Zamir leider seine fehlende Erfahrung. Es steht kein Guide zur
Verfügung, möglicherweise sind wir zu spät dran. Und er kann uns
einfach gar nichts erzählen, das ist sehr schwach von ihm. Wir
laufen also einfach durch die Räume und versuchen aus den
englischen und russichen Erklärungen uns wenigstens ein bisschen
was zusammen zu reimen. Zamir ist nicht mal in der Lage, ein
paar Informationen aus dem Internet zu ziehen, unsere
Smartphones funktionieren hier leider nicht, wir haben darauf verzichtet,
uns eine SIM Karte zu kaufen. Wir haben ja einen Reiseleiter.

Sehr schwach von
ihm. Stattdessen versucht er uns immer wieder irgendwelche
Stories aus seiner Zeit in Deutschland zu erzählen, bis ich ihm
leider sagen muss, dass uns das wenig interessiert.
Sayid Muhammad Khudayar Khan war der Khan von Kokand, er
regierte von 1845 bis 1875. Kam er schon auf recht mysteriöse
Weise ins Amt, war seine Herrschaft von extrem hohen Steuern und
einem dysfunktionalen Rechtssystem geprägt. In den späten 1860er Jahren
besetzten russiche Truppen die Khanate von Buchara und Kokand,
um den Vormarsch der Briten Einhalt zu gebieten. Der Khan von
Kokand akzeptierte 1868 die russische Herrschaft, durfte aber im
Amt bleiben, die Innenpolitik in den zentralasiatischen
Fürstentümern interessierte den Zaren von Russland herzlich
wenig. 1875 waren aber die Kokander ihres Khans überdrüssig und
haben ihn davongejagt. Mit dem Geld einiger Sympathisanten gelang
ihm die Flucht, nach kurzer Inhaftierung setzte er sich in den
arabischen Raum ab. Quelle Wikipedia, Zamir war dafür, wie oben
geschrieben nicht zuständig...
Wir besuchen noch die
Freitagsmoschee von Kokand, wobei uns die Moschee selbst weniger
interessiert, als vielmehr die Handwerksstätten im Innenhof.
Danach geht`s über Land, links und rechts wieder viele
Felder, das gesamte Fergana Tal ist sehr fruchtbar, durch die
Bewässerung aus dem Fluss Syrdarja. Wir hoppeln also etwa 2
Stunden über schreckliche Landstraßen, einige Male hab ich den
Eindruck, wir fahren im Kreis.
Wir weisen Zamir daraufhin,
dass laut unserer Roadmap noch der Besuch einer besonderen
Keramikwerkstatt anstünde, er gibt sich ahnungslos. Nun wird es
uns schon langsam zu blöd, nachdem wir ihn darauf aufmerksam
machen, nimmt er doch tatsächlich die Beschreibung der Reise mal
zur Hand. Zur Keramikwerkstatt fahren wir nicht mehr (da sind
wir nämlich vor einer Stunde schon dran vorbei gefahren), aber
man fährt uns zu einer Art Handelszentrum für landestypische
Erzeugnisse aller Art in Margilan. Nur ist hier natürlich gar
keiner mehr da, es ist längst Feierabend. Also fahren wir zum
Hotel nach Fergana und anschließend noch zum Essen, das heute
etwas besser ausfällt, als gestern.
Beim Abendessen nehmen wir uns Genossen Zamir
zur Brust. Wir erklären ihm, dass wir nicht akzeptieren würden,
dass er die Tour eigenmächtig verändert, aus welchen Gründen
auch immer. Er hat keinerlei Zeitgefühl, aus unserer Sicht haben
wir die Tour heute morgen viel zu spät begonnen, das wollten die
beiden Burschen rausholen, indem sie mal stillschweigend ein
paar Stationen streichen. Das geht so nicht, erklären wir ihm
und gehen Punkt für Punkt mit ihm durch, was wir morgen machen.
Die ganze Ansprache war für die Katz, bereits kurz nachdem wir
nach dem Frühstück vom Hotel abgefahren waren, macht er schon
wieder, was er will. Wir fahren zu einem Denkmal eines lokalen
Helden. Mathematiker, Astronom und Imam in Personalunion. Mehr
weiß Zamir nicht über den. Er will uns in ein Museum über den
Menschen schleppen , dass sich aber eher als naturkundliche
Ausstellung über das Ferganatal entpuppt. Ein junges Mädel führt
uns rundum und erzählt uns ein bisschen was auf Englisch,
wenigstens das hat er diesmal hinbekommen. Bevor wir rauskommen
werden wir von einer Blase einheimischer Mädels vereinnahmt.
Angeblich nur für ein Foto, natürlich wird daraus eine Musik-
und Tanzeinlage.
Nachdem wir dem Damenkränzchen entronnen sind, rede ich mit
Zamir mal ein paar ernste Worte. Von diesem Programmpunkt war
gestern Abend keine Rede. Er sagt zu mir, er wusste auch nichts
davon, der Fahrer hätte uns einfach hierher gefahren, das bringt
mich nun echt auf die Palme. Seit wann bitte bestimmt der Fahrer
das Programm?
Ich schlucke meinen Grant nochmal runter
und wir fahren nun, wie verabredet zu einer Seidenmanufaktur.
Sie wird als Familienbetrieb betrieben und öffnet ihre Tore, um
Touris wie uns die Herstellung des kostbaren Stoffes näher zu
bringen.
Und zwar von der Raupe bzw. dem Kokon:
wie der Seidenfaden verwoben wird:
Und die unterschiedlichen Färbetchniken, Batik und Ikat. Bei der
Batiktechnik wird das fertig gewobene Tuch gefärbt, bei der
Ikattechnik wird der einzelne Seidenfaden vor dem Weben gefärbt.
In beiden Fällen werden die Muster mittels aufwändiger Abbinde-
bzw. Abklebetechniken erzeugt:
Und natürlich, wie aus dem Faden ein Tuch entsteht.
Nachdem wir uns das ausgiebig haben erklären lassen,
Muhammad, einer der Burschen in der Werkstatt spricht fast
akzentfrei Englisch, und gestaltet den Vortrag auch echt
interessant, mag er uns natürlich noch was verkaufen und
schleppt uns in den Laden auf der anderen Straßenseite. Er ist
aber auch nicht böse, als wir nichts kaufen.
Nun wollen uns unsere beiden Helden doch noch zu der
Keramikwerkstatt fahren, die wir gestern ausgelassen haben. Wir
haben etwas über 4 Stunden Zeit, allerdings sind wir fast 1,5
Stunden unterwegs bis dahin, wir müssen fast bis Kokand zurück.
Deswegen wäre dieser Punkt ja eigentlich auch gestern auf dem
Programm gewesen, nur sind wir da dran vorbei gefahren. Endlich
dort angekommen, weise ich Zamir darauf hin, dass es jetzt ja
wohl nichts mehr wird, mit dem Essen, bevor wir zum Zug müssen.
Auf seine Antwort, er hätte nicht gewusst, wie weit es ist,
platzt mir der Kragen. Wir müssen uns was überlegen, so kann es
nicht weitergehen, der Bursche ist dabei uns den Urlaub zu
versauen.
Den Rundgang macht der Inhaber /
Geschäftsführer mit uns (natürlich sind alle Mitarbeiter gerade
in Mittagspause), auch mit Erklärungen in sehr gut
verständlichem Englisch. Er erzählt uns, das er auch mehrere
deutsche Firmen beliefert.
Die Qualität und Vielfalt seiner Ware ist wirklich
beeindruckend. Vieles wird auch noch mit traditionellem Werkzeug und Technik
hergestellt, ohne Strom und fließend Wasser. Und vor allem aus
ausschließlich lokalen Rohstoffen. Der Ton liegt hier quasi
einen halben Meter unter der Grasnarbe wird uns erklärt.
Zamir kommt gar nicht mit, er hat was anderes zu tun. Ich
mache mich innerlich mit dem Gedanken vertraut ihm anschließend
mitzuteilen, dass wir mit der Reiseagentur über ihn reden
werden. Wir können nicht mehr mit ihm. Allerdings nimmt er uns diese
Entscheidung ab. Er teilt uns mit, dass er uns nur noch bis
morgen begleiten wird, er hat einen Krankheitsfall in der
Familie. Zufälle gibt’s… Ich glaube ihm die kranke Oma zwar
nicht, es ist uns aber egal, es löst das Problem (hoffentlich).
Ich glaube, er hat erkannt, dass er mit uns hoffnungslos
überfordert ist und will so einigermassen sein Gesicht wahren.
Er fängt wieder damit an, dass er noch mit uns zum Essen
will, aber ich diskutiere nicht mehr mit ihm. Ab zum Bahnhof
nach Margilon. Wir sind zwar letztlich fast eine Stunde vor
Abfahrt da, aber wer weiß, wo er uns wieder hingeschleppt hätte
und wir hätten dann den Zug verpasst.
Am Bahnhof gibt es
einen Snack und bald darauf fährt schon der Zug ein.
Wir haben Business Class Plätze, sehr bequem, aber leider
wieder hinter stark getönten Scheiben. Trotzdem sehen wir
zunächst noch die fruchtbare Ebene des Fergana Valley.
Bis wir schließlich wieder in die schroffe Felsen- und Schotterwelt
des Tianshan Gebirges eintauchen.
Irgendwann wird es dann dunkel, wir haben aber noch fast
drei Stunden bis Taschkent.
Nachdem wir am Bahnhof
angekommen sind, fährt uns ein anderer Fahrer zum Hotel. Wir
checken ein, Zamir wollte noch mit uns zum Essen gehen, das ist
uns aber zu spät, es hat auch keiner mehr Lust, mit ihm noch
längere Zeit zu verbringen. Wir essen eine Kleinigkeit an der
Hotelbar und empfangen eine Nachricht von der Reiseagentur, das
uns ab morgen Abend eine Dame begleiten wird. Es kann ja nur
besser werden.
Was lässt sich rückblickend über unsere
kleine Überlandfahrt sagen? Die Landschaft hat in großen Teilen
den erwarteten „Wüstencharakter“, auch wenn es, wie schon
geschrieben, erstaunlich viel landwirtschaftliche Flächen gibt.
Die kleineren Orte haben schon einen asiatischen Touch, größter
Unterschied zu Indonesien und vor allem Vietnam: es liegt kaum
Müll an den Straßen. Dort sind die Straßenränder ja durchgehende
Müllhalden, hier sieht man allenthalben wen mit einem Besen.
Sogar auf dem Mittelstreifen der Highways. Auch die Häuser
scheinen etwas solider und sauberer, vom allgegenwärtigen Staub
mal abgesehen, der ist hier obligatorisch.
Morgen früh werden wir bereits um 4:45 Uhr abgeholt, auch so ne
Nummer, die wir Zamir sehr eindringlich erklären mussten.
Er ist fest der Meinung, dass es ausreicht 30 Minuten vorher
am Flughafen anzukommen.
7:15 Uhr geht der Flieger in
Richtung Nukus.