Ausflug
ins
Fergana Tal

23. / 24. September 2025


Wir sind 9:00 Uhr mit Zamir verabredet, allein es ist keine Spur von ihm zu sehen. Während wir mit unserem Gepäck pünktlich vorm Hotel stehen, kommt er mit 10 minütiger Verspätung daher, der Verkehr wäre unerwartet stark gewesen. Kann ja keiner ahnen in einer 3 Millionen Stadt. Der Fahrer läuft zwar auch schon rum, hat sein Auto aber anscheinend in einem anderen Stadtteil geparkt. Jedenfalls dauert es noch mal 10 Minuten, bis es losgehen kann.
Im Nachhinein betrachtet, bahnt sich hier schon an, was der gesamte Ausflug werden wird, eine Katastrophe, die im Austausch des Herrn Reiseleiter gipfeln wird. Aber der Reihe nach.

Unser Fahrer hat mehrere Smartphones, eines bemüht er wohl als Navigationssystem, gleichwohl er sich gleich mal gründlich verfährt. Jedenfalls biegt er auf eine staugeplagte 6-spurige Straße, auf welcher er nach ca. 500 einen 180° U-Turn hinlegt und in entgegengesetzter Richtung gleich mal in den nächsten Stau reinfährt.
Wir beobachten das Ganze von hinten und vertrauen ihm natürlich vollständig. Er ist schließlich der Einheimische…
Das Spiel wiederholt er heute noch öfter, in diversen Ortschaften. Entweder traut er dem Navi nicht, vielleicht weil’s ne Frauenstimme ist, oder er ist einfach planlos.

Wir fahren also dahin, es dauert fast eine Stunde, bis wir aus Taschkent raus sind. Die Außenbezirke sind nicht wirklich architektonische Diamanten, aber das ist wohl in jeder Großstadt so.
Danach wird`s ländlich, wir fahren an viel Landwirtschaft vorbei. Getreide, Tomaten und ein wenig Baumwolle. Usbekistan hat reichlich Landwirtschaft, mehr als die Hälfte der Bevölkerung arbeitet in selbiger. Obwohl es eigentlich ein Wüstenland ist, aber man versteht es seit jeher, die vorhandenen Flüsse anzuzapfen, zu kanalisieren und damit Land zu bewässern. Mit Folgen für den Aralsee, der dadurch austrocknet.

Nach etwa einer weiteren Stunde beginnt die Straße anzusteigen, es geht ins Tianshan Gebirge (Himmelsgebirge). Und das ist hoch. So grün es unten war, je weiter es hoch geht, umso steiniger und staubiger wird es. Mit zunehmendem Wind hat das zur Folge, das die Fernsicht gegen Null geht.

Auf dem Weg ins Fergana Tal Auf dem Weg ins Fergana Tal

Leider gibt es kaum Möglichkeiten anzuhalten, einmal stoppen wir an einer Art Stausee, der Fahrer fährt etliche hundert Meter auf einem Feldweg entlang, kommt aber wohl doch nicht dahin, wo er wollte. So fährt er denn die gesamte Strecke im Rückwärtsgang wieder zurück. Ich schau besser nicht raus, es geht einige Meter abwärts, direkt neben dem Weg...

Ahangaran-Stausee Nahe dem Ahangaran-Stausee Nahe dem Ahangaran-Stausee Nahe dem Ahangaran-Stausee

Die Strecke geht nun steil bergan, das überfordert einge der betagten LKW und PKW, mehrere bleiben hier auf der Strecke. Kein Problem mit der Steigung hatte dagegen die Schafherde, die mal eben über den Highway getrabt ist. Sieht man ja auch nicht alle Tage.
Schließlich erreichen wir den Kamchik Pass auf etwa 2.000 Meter überm Meer. (Der höchste Punkt erreicht 2,268 Meter (7,441 ft), aber der Tunnel war nicht ganz oben). Das hier ist exakt die Route, die die Händlerkarawanen in grauer Vorzeit nehmen mussten, um die kostbare Seide aus China nach Europa zu bringen. Heute geht es allerdings durch den Berg.

Auf dem Weg ins Fergana Tal - Kamchik Pass Auf dem Weg ins Fergana Tal - Kamchik Pass Auf dem Weg ins Fergana Tal - Kamchik Pass

Kaum durch den Tunnel durch, geht es bergab. Auf der Gegenspur ist nun das Drama der schnaufenden Fahrzeuge zu erleben, auf unserer Seite riecht es eher nach Gummi und kaputten Bremsen.

Noch etwa eine Stunde Fahrzeit, dann landen wir in Kokand, eine der größeren Städte im Ferganatal.
Wir besichtigen den Palast des Khudayar Khan. Und hier beweist Zamir leider seine fehlende Erfahrung. Es steht kein Guide zur Verfügung, möglicherweise sind wir zu spät dran. Und er kann uns einfach gar nichts erzählen, das ist sehr schwach von ihm. Wir laufen also einfach durch die Räume und versuchen aus den englischen und russichen Erklärungen uns wenigstens ein bisschen was zusammen zu reimen. Zamir ist nicht mal in der Lage, ein paar Informationen aus dem Internet zu ziehen, unsere Smartphones funktionieren hier leider nicht, wir haben darauf verzichtet, uns eine SIM Karte zu kaufen. Wir haben ja einen Reiseleiter. Sehr schwach von ihm. Stattdessen versucht er uns immer wieder irgendwelche Stories aus seiner Zeit in Deutschland zu erzählen, bis ich ihm leider sagen muss, dass uns das wenig interessiert.

Palast des Khudayar Khan in Kokand Palast des Khudayar Khan in Kokand Palast des Khudayar Khan in Kokand Palast des Khudayar Khan in Kokand Palast des Khudayar Khan in Kokand Palast des Khudayar Khan in Kokand Palast des Khudayar Khan in Kokand

Sayid Muhammad Khudayar Khan war der Khan von Kokand, er regierte von 1845 bis 1875. Kam er schon auf recht mysteriöse Weise ins Amt, war seine Herrschaft von extrem hohen Steuern und einem dysfunktionalen Rechtssystem geprägt. In den späten 1860er Jahren besetzten russiche Truppen die Khanate von Buchara und Kokand, um den Vormarsch der Briten Einhalt zu gebieten. Der Khan von Kokand akzeptierte 1868 die russische Herrschaft, durfte aber im Amt bleiben, die Innenpolitik in den zentralasiatischen Fürstentümern interessierte den Zaren von Russland herzlich wenig. 1875 waren aber die Kokander ihres Khans überdrüssig und haben ihn davongejagt. Mit dem Geld einiger Sympathisanten gelang ihm die Flucht, nach kurzer Inhaftierung setzte er sich in den arabischen Raum ab. Quelle Wikipedia, Zamir war dafür, wie oben geschrieben nicht zuständig...

Wir besuchen noch die Freitagsmoschee von Kokand, wobei uns die Moschee selbst weniger interessiert, als vielmehr die Handwerksstätten im Innenhof.

Freitagsmoschee von Kokand Freitagsmoschee von Kokand Freitagsmoschee von Kokand Freitagsmoschee von Kokand Freitagsmoschee von Kokand - Seidenweberwerkstatt Freitagsmoschee von Kokand - Seidenweberwerkstatt Freitagsmoschee von Kokand

Danach geht`s über Land, links und rechts wieder viele Felder, das gesamte Fergana Tal ist sehr fruchtbar, durch die Bewässerung aus dem Fluss Syrdarja. Wir hoppeln also etwa 2 Stunden über schreckliche Landstraßen, einige Male hab ich den Eindruck, wir fahren im Kreis.
Wir weisen Zamir daraufhin, dass laut unserer Roadmap noch der Besuch einer besonderen Keramikwerkstatt anstünde, er gibt sich ahnungslos. Nun wird es uns schon langsam zu blöd, nachdem wir ihn darauf aufmerksam machen, nimmt er doch tatsächlich die Beschreibung der Reise mal zur Hand. Zur Keramikwerkstatt fahren wir nicht mehr (da sind wir nämlich vor einer Stunde schon dran vorbei gefahren), aber man fährt uns zu einer Art Handelszentrum für landestypische Erzeugnisse aller Art in Margilan. Nur ist hier natürlich gar keiner mehr da, es ist längst Feierabend. Also fahren wir zum Hotel nach Fergana und anschließend noch zum Essen, das heute etwas besser ausfällt, als gestern.

Asia Fergana Hotel Asia Fergana Hotel

Beim Abendessen nehmen wir uns Genossen Zamir zur Brust. Wir erklären ihm, dass wir nicht akzeptieren würden, dass er die Tour eigenmächtig verändert, aus welchen Gründen auch immer. Er hat keinerlei Zeitgefühl, aus unserer Sicht haben wir die Tour heute morgen viel zu spät begonnen, das wollten die beiden Burschen rausholen, indem sie mal stillschweigend ein paar Stationen streichen. Das geht so nicht, erklären wir ihm und gehen Punkt für Punkt mit ihm durch, was wir morgen machen.

Die ganze Ansprache war für die Katz, bereits kurz nachdem wir nach dem Frühstück vom Hotel abgefahren waren, macht er schon wieder, was er will. Wir fahren zu einem Denkmal eines lokalen Helden. Mathematiker, Astronom und Imam in Personalunion. Mehr weiß Zamir nicht über den. Er will uns in ein Museum über den Menschen schleppen , dass sich aber eher als naturkundliche Ausstellung über das Ferganatal entpuppt. Ein junges Mädel führt uns rundum und erzählt uns ein bisschen was auf Englisch, wenigstens das hat er diesmal hinbekommen. Bevor wir rauskommen werden wir von einer Blase einheimischer Mädels vereinnahmt. Angeblich nur für ein Foto, natürlich wird daraus eine Musik- und Tanzeinlage.

Musikeinlage im naturkundlichen Museum Fergana Musikeinlage im naturkundlichen Museum Fergana Musikeinlage im naturkundlichen Museum Fergana Musikeinlage im naturkundlichen Museum Fergana

Nachdem wir dem Damenkränzchen entronnen sind, rede ich mit Zamir mal ein paar ernste Worte. Von diesem Programmpunkt war gestern Abend keine Rede. Er sagt zu mir, er wusste auch nichts davon, der Fahrer hätte uns einfach hierher gefahren, das bringt mich nun echt auf die Palme. Seit wann bitte bestimmt der Fahrer das Programm?

Ich schlucke meinen Grant nochmal runter und wir fahren nun, wie verabredet zu einer Seidenmanufaktur. Sie wird als Familienbetrieb betrieben und öffnet ihre Tore, um Touris wie uns die Herstellung des kostbaren Stoffes näher zu bringen.
Und zwar von der Raupe bzw. dem Kokon:

Wie die edlen Seidenstoffe entstehen Wie die edlen Seidenstoffe entstehen Wie die edlen Seidenstoffe entstehen

wie der Seidenfaden verwoben wird:

Wie die edlen Seidenstoffe entstehen Wie die edlen Seidenstoffe entstehen Wie die edlen Seidenstoffe entstehen

Und die unterschiedlichen Färbetchniken, Batik und Ikat. Bei der Batiktechnik wird das fertig gewobene Tuch gefärbt, bei der Ikattechnik wird der einzelne Seidenfaden vor dem Weben gefärbt. In beiden Fällen werden die Muster mittels aufwändiger Abbinde- bzw. Abklebetechniken erzeugt:

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Und natürlich, wie aus dem Faden ein Tuch entsteht.

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Nachdem wir uns das ausgiebig haben erklären lassen, Muhammad, einer der Burschen in der Werkstatt spricht fast akzentfrei Englisch, und gestaltet den Vortrag auch echt interessant, mag er uns natürlich noch was verkaufen und schleppt uns in den Laden auf der anderen Straßenseite. Er ist aber auch nicht böse, als wir nichts kaufen.

Nun wollen uns unsere beiden Helden doch noch zu der Keramikwerkstatt fahren, die wir gestern ausgelassen haben. Wir haben etwas über 4 Stunden Zeit, allerdings sind wir fast 1,5 Stunden unterwegs bis dahin, wir müssen fast bis Kokand zurück. Deswegen wäre dieser Punkt ja eigentlich auch gestern auf dem Programm gewesen, nur sind wir da dran vorbei gefahren. Endlich dort angekommen, weise ich Zamir darauf hin, dass es jetzt ja wohl nichts mehr wird, mit dem Essen, bevor wir zum Zug müssen. Auf seine Antwort, er hätte nicht gewusst, wie weit es ist, platzt mir der Kragen. Wir müssen uns was überlegen, so kann es nicht weitergehen, der Bursche ist dabei uns den Urlaub zu versauen.

Den Rundgang macht der Inhaber / Geschäftsführer mit uns (natürlich sind alle Mitarbeiter gerade in Mittagspause), auch mit Erklärungen in sehr gut verständlichem Englisch. Er erzählt uns, das er auch mehrere deutsche Firmen beliefert.

Mingboshi Ceramic - Meister der Töpfchen Mingboshi Ceramic - Meister der Töpfchen Mingboshi Ceramic - Meister der Töpfchen Mingboshi Ceramic - Meister der Töpfchen Mingboshi Ceramic - Meister der Töpfchen Mingboshi Ceramic - Meister der Töpfchen

Die Qualität und Vielfalt seiner Ware ist wirklich beeindruckend. Vieles wird auch noch mit traditionellem Werkzeug und Technik hergestellt, ohne Strom und fließend Wasser. Und vor allem aus ausschließlich lokalen Rohstoffen. Der Ton liegt hier quasi einen halben Meter unter der Grasnarbe wird uns erklärt.

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Zamir kommt gar nicht mit, er hat was anderes zu tun. Ich mache mich innerlich mit dem Gedanken vertraut ihm anschließend mitzuteilen, dass wir mit der Reiseagentur über ihn reden werden. Wir können nicht mehr mit ihm. Allerdings nimmt er uns diese Entscheidung ab. Er teilt uns mit, dass er uns nur noch bis morgen begleiten wird, er hat einen Krankheitsfall in der Familie. Zufälle gibt’s… Ich glaube ihm die kranke Oma zwar nicht, es ist uns aber egal, es löst das Problem (hoffentlich). Ich glaube, er hat erkannt, dass er mit uns hoffnungslos überfordert ist und will so einigermassen sein Gesicht wahren.

Er fängt wieder damit an, dass er noch mit uns zum Essen will, aber ich diskutiere nicht mehr mit ihm. Ab zum Bahnhof nach Margilon. Wir sind zwar letztlich fast eine Stunde vor Abfahrt da, aber wer weiß, wo er uns wieder hingeschleppt hätte und wir hätten dann den Zug verpasst.

Am Bahnhof gibt es einen Snack und bald darauf fährt schon der Zug ein.

Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge

Wir haben Business Class Plätze, sehr bequem, aber leider wieder hinter stark getönten Scheiben. Trotzdem sehen wir zunächst noch die fruchtbare Ebene des Fergana Valley.

Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge

Bis wir schließlich wieder in die schroffe Felsen- und Schotterwelt des Tianshan Gebirges eintauchen.

Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge Zurück nach Taschkent - mit dem Zug durch die Berge

Irgendwann wird es dann dunkel, wir haben aber noch fast drei Stunden bis Taschkent.

Nachdem wir am Bahnhof angekommen sind, fährt uns ein anderer Fahrer zum Hotel. Wir checken ein, Zamir wollte noch mit uns zum Essen gehen, das ist uns aber zu spät, es hat auch keiner mehr Lust, mit ihm noch längere Zeit zu verbringen. Wir essen eine Kleinigkeit an der Hotelbar und empfangen eine Nachricht von der Reiseagentur, das uns ab morgen Abend eine Dame begleiten wird. Es kann ja nur besser werden.

Was lässt sich rückblickend über unsere kleine Überlandfahrt sagen? Die Landschaft hat in großen Teilen den erwarteten „Wüstencharakter“, auch wenn es, wie schon geschrieben, erstaunlich viel landwirtschaftliche Flächen gibt. Die kleineren Orte haben schon einen asiatischen Touch, größter Unterschied zu Indonesien und vor allem Vietnam: es liegt kaum Müll an den Straßen. Dort sind die Straßenränder ja durchgehende Müllhalden, hier sieht man allenthalben wen mit einem Besen. Sogar auf dem Mittelstreifen der Highways. Auch die Häuser scheinen etwas solider und sauberer, vom allgegenwärtigen Staub mal abgesehen, der ist hier obligatorisch.

Morgen früh werden wir bereits um 4:45 Uhr abgeholt, auch so ne Nummer, die wir Zamir sehr eindringlich erklären mussten. Er ist fest der Meinung, dass es ausreicht 30 Minuten vorher am Flughafen anzukommen.
7:15 Uhr geht der Flieger in Richtung Nukus.